Neue Veröffentlichung: Demokratische Selbstwirksamkeit im Betrieb als "Schutzfaktor" gegen rechtsextreme Einstellungen?
Der Beitrag von Johannes Kiess und Andre Schmidt im Sammelband "Angriffe auf die unternehmerische Autokratie" untersucht, ob demokratische Selbstwirksamkeit im Betrieb als Schutzfaktor gegen rechtsextreme Einstellungen wirkt und wie sich dieser Zusammenhang zwischen Ost- und Westdeutschland sowie zwischen 2020 und 2024 entwickelt hat. Ausgangspunkt des Artikels "Demokratische Selbstwirksamkeit im Betrieb als "Schutzfaktor" gegen rechtsextreme Einstellungen? Ein Vergleich zwischen Ost und West sowie 2020 und 2024" ist der erstarkte Zuspruch für die Alternative für Deutschland unter Arbeitern, insbesondere in Ostdeutschland, was die Frage nach arbeitsweltlichen Ursachen und Gegenstrategien neu aufwirft. Vergleichende Untersuchungen zum Konzept der "Industrial Citizenship" wurden auch in einer Kurzversion veröffentlicht, die in den WSI Mitteilungen erschienen ist.
Theoretisch knüpfen die Autoren an dieses Konzept an, das Mitbestimmung und Beteiligung im Betrieb als Form von Bürgerschaft in der Arbeitswelt versteht. Demokratische Selbstwirksamkeit umfasst dabei individuelles und kollektives Kontrollerleben im Arbeitsprozess sowie Einflussmöglichkeiten auf betriebliche Entscheidungen. Auf Grundlage sozialisationstheoretischer Überlegungen – etwa des „democratic spillover“ nach Carole Pateman – wird angenommen, dass positive Partizipationserfahrungen im Betrieb demokratische Einstellungen stärken und autoritären Orientierungen entgegenwirken. Empirisch stützen sich die Analysen auf die Leipziger Autoritarismus Studien der Jahre 2020 und 2024, die repräsentative Befragungsdaten zu Arbeitserfahrungen und rechtsextremen Einstellungen liefern.
Die Ergebnisse zeigen zunächst einen deutlichen Rückgang demokratischer Selbstwirksamkeit im Betrieb, besonders ausgeprägt in Ostdeutschland, wo Kontroll- und Einflusswahrnehmungen stark abnahmen. Bivariat und multivariat bestätigt sich, dass höhere demokratische Selbstwirksamkeit mit geringerer Zustimmung zu rechtsextremen Einstellungen einhergeht, selbst unter Kontrolle von Autoritarismus, Bildung und Deprivationserfahrungen. Allerdings variiert die Stärke des Effekts je nach Dimension: Besonders deutlich ist er bei Diktaturbefürwortung, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und NS-Verharmlosung, während er für Chauvinismus schwächer ausfällt.
Zwischen Ost und West zeigen sich differenzierte Muster: In Ostdeutschland reduziert demokratische Selbstwirksamkeit vor allem Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus, während im Westen eher die Zustimmung zu NS-Verharmlosung und Antisemitismus sinkt. Diese Unterschiede deuten darauf hin, dass arbeitsweltliche Erfahrungen mit regional unterschiedlichen politischen Kulturen und Transformationsfolgen verschränkt sind.
Insgesamt sprechen die Befunde dafür, dass demokratische Partizipation im Betrieb ein – wenn auch begrenzter – Schutzfaktor gegen rechtsextreme Einstellungen sein kann, dessen Wirksamkeit jedoch von sozioökonomischen Krisendynamiken und regionalen Kontexten abhängt.