Tagung 2026: Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis
„Wiederkehr des Paranoiden? Psychotische Tendenzen in der digitalisierten Gesellschaft“
Fachtagung | 19. – 21. Juni 2026 | Ort: Leipzig
Ausgerechnet in einer Gesellschaft, die ihre Kommunikation, ihre Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Naturbeherrschung durch Digitaltechnologie immer effizienter und rasanter gestaltet und auf mündige Bürger dringt, regt sich ein neuartiges Wahnbildungspotenzial. Schlagworte wie Desinformation, Fake News und Verschwörungsfantasie benennen seine Fassade. Was aber geht dahinter vor? Wie kann es sein, dass gerade an der Spitze des Fortschritts ein schleichender tiefenseelischer Prozess anhebt, der archaische Wahnbildungen in High-Tech-Montur wiederkehren und gesellschaftsfähig werden lässt?
Eigentlich sollte man eher das Gegenteil erwarten: neue Praktiken, sich der Realität anzunähern, sie in technischen Bildern vorwegzunehmen, auszuprobieren, sie durch ein High-Tech-Instrumentarium souveräner zu gestalten denn je. Umso erklärungsbedürftiger ist die Schwerkraft der Digitalisierung zur Realitätsverleugnung hin: dazu, dass technische Bilder, wenn sie nur nachdrücklich genug umlaufen, zunehmend mit der Realität selbst verwechselt werden; dass die Individuen zwar Zugang zu einer schier grenzenlosen Datenfülle bekommen, sich durch deren Flut aber weniger beflügelt als bedroht fühlen, ja durch sie genötigt werden, sich eine digitale Nischen- und Blasenexistenz aufzubauen.
Ganze Bereiche der äußeren Realität verleugnen: das ist nach Freud die Signatur der Psychose. Das Verleugnete bleibt freilich als ständige, latente Bedrohung erhalten und hört nicht auf, sich Ventile und Verkörperungen zu suchen: gegenwärtig mit Vorliebe im Fantasieren oder
Halluzinieren von Kräften, die das authentische ethnische oder nationale Volk zersetzen, indem sie die Geschlechterordnung durcheinanderbringen, eine Klimakatastrophe herbeireden oder den Guten den Wahlsieg stehlen. Der Verdacht, dass die Digitalisierung der globalen kapitalistischen Gesellschaft eine paranoide und halluzinationsfördernde Elementardrift hat, die durch suggestive globale Bildgewalt an der Rückbildung mentaler Urteilskraft arbeitet, soll auf der Tagung ausgiebig und kontrovers diskutiert werden.
Die nächste Leipziger Biennale "Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis" findet vom 19. – 21. Juni 2026 statt, u.a. mit Vorträgen von Prof. Dr. Ewa Kobylnska-Dehe, Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Dr. Christoph Engemann, Dr. Anna Gätjen und Dr. Hanna Gekle.
Wir bitten Sie um eine vorherige Anmeldung zur Teilnahme unter franziska.ruffert.2@uni-leipzig.de. Teilnahmegebühr bitte erst nach Bestätigung der Anmeldung überweisen! Das Programm gibt es unten als PDF zum Download.