Senden auf allen Kanälen

Wie die extreme Rechte soziale Plattformen nutzt

von Julia Dresselhaus & Johannes Kiess

 

Die Nutzung sozialer Plattformen durch die extreme Rechte – darunter Parteien und Politiker*innen, völkische Influencer*innen und Gruppierungen, jugendliche Szenen, russische Desinformationskampagnen usw. – wird seit Jahren immer wieder lebhaft diskutiert. Die Diskussion konzentriert sich in solchen Fällen zumeist auf die als gerade besonders problematisch erscheinende Plattform – und die kurzzeitig aufflammende und ebenso schnell wieder erlöschende Aufregung wiederholt sich ein ums andere Mal, ohne dass wirksame Maßnahmen umgesetzt würden. Der Aufstieg der AfD, die erste Präsidentschaft Donald Trumps oder auch die Mobilisierung der islamfeindlichen Protestgruppe PEGIDA in Dresden waren eng mit Facebook verbunden. Der von Elon Musk betriebene Wandel der Microblogging-Plattform Twitter zur extrem rechten Echokammer X hat die Frage nach einer die politischen Lager übergreifenden öffentlichen Sphäre auf die Tagesordnung gebracht. Telegram-Kanäle hatten während der Corona-Pandemie Konjunktur; es wurden Verschwörungserzählungen und Falschnachrichten verbreitet, die zwischen zuvor nicht miteinander in Kontakt stehenden Milieus Brücken schlugen. Die jüngst zu beobachtende, auf neonazistische Codes aus den 1990er Jahren zurückgreifende Mobilisierung Jugendlicher gegen CSD-Veranstaltungen findet vor allem auf TikTok statt. In der Debatte um die sich – zumindest in gewissem Ausmaß – wiederholenden Phänomene fehlt es an einem Überblick über die diversen Formen der Nutzung sozialer Plattformen durch die extreme Rechte. Eine solche Perspektive könnte dabei behilflich sein, übergreifende und wiederkehrende Muster zu identifizieren und zugleich eine Handhabe für mögliche Gegenstrategien (und die damit verbundenen Fallstricke) zu entwickeln; darüber hinaus könnte sie zu einer allgemeinen Debatte über die Regulierung von Plattformen seitens der Politik beitragen. Mit dem folgenden Einblick in unsere aktuelle Forschung beschreiben wir daher – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – die wichtigsten Plattformen, ihre Hauptfunktionen sowie die jeweils spezifische Nutzung durch extrem rechte Akteure.

 

Die Vielfalt der Plattformen und mögliche Vergleichskriterien

 

Die zahlreichen existierenden Online-Plattformen unterscheiden sich in ihren jeweiligen (Haupt-)Funktionen, ihren Ziel- und Nutzergruppen, ihrer Verbreitung in verschiedenen Ländern und dementsprechend auch in der Nutzung durch die extreme Rechte. Videoportale wie TikTok und YouTube bieten vor allem Unterhaltung und Information; andere Plattformen haben sich (zumindest ursprünglich) zum Zweck der Selbstdarstellung ihrer Nutzer*innen besonders über Bilder profiliert (Pinterest, Instagram) oder dienen im Wesentlichen sozialer Vernetzung (Facebook, LinkedIn). Derzeit gilt TikTok als die am stärksten wachsende Plattform. Nutzer*innen stellen dort kurze, unterhaltsame Videos ein – die namensgebenden TikToks – und adressieren damit an ähnlichen Inhalten interessierte Nutzer*innen. Der Algorithmus hat dabei jene Funktionen nahezu übernommen, die beim „alten“ Facebook noch die Reichweite der Follower*innen und Freundesnetzwerke bestimmten. Bei Markteintritt in die westliche Hemisphäre hatte TikTok die Platzhirsche enorm unter Druck gesetzt. Seit längerem haben auch YouTube, Instagram und Facebook vergleichbare Kurzvideo-Funktionen integriert, um nicht weitere Marktanteile einzubüßen, da Kurzvideos momentan das dynamischste Format sind.

Microblogging-Plattformen (Twitter/X, BlueSky, Mastodon, TruthSocial, Threads) dienen vor allem dem Nachrichtenaustausch; Messenger-Dienste werden vorrangig für die private Kommunikation genutzt (WhatsApp, Signal, Telegram, Threema, Facebook-Messenger, früher auch ICQ, Yahoo-Messenger usw.). Auf Imageboards (Chans) kann anonym und unmoderiert Content kreiert werden. Allen Plattformen ist gemeinsam, dass sie – zumindest für ihren Anwendungsbereich – als Winner-take-all-Modelle konzipiert sind: Sie sind nicht einfach nur Teilnehmer am Markt, sondern organisieren ihn (Kirchner/Beyer 2016). Aus sogenannten Netzwerkeffekten resultiert eine enorme Marktmacht: Wenn alle meine Freunde auf Facebook sind, ist die Anmeldung auf einer anderen Plattform wenig sinnvoll. Es ist ineffektiv, Profile auf verschiedenen Karriereplattformen zu unterhalten; das globale Wachstum von LinkedIn stellt die Konkurrenz von Xing nicht nur in den Schatten, sondern macht weitere Wettbewerber letztlich überflüssig. Twitter/X galt lange als der relevanteste Microblogging-Dienst für die Bereiche Politik, Journalismus und Wissenschaft. Der Abschied von X – zuletzt haben Grüne, Linke und SPD am 4. Mai 2026 erklärt, der Plattform den Rücken zu kehren – fiel vielen schwer, weil sich bis heute kein vergleichbares digitales Forum entwickeln konnte. Habermas’ These vom Zerfall der Öffentlichkeit in viele Teilöffentlichkeiten (Habermas, 2022) scheint doppelt bestätigt: Die ehemals gemeinsame, von allen geteilte Öffentlichkeit zerfällt sowohl zwischen den verschiedenen Plattformen als auch auf ihnen selbst in „individualisierte“ Feeds.

Wichtige und teils enorme Unterschiede zeigen sich hinsichtlich der primären Nutzergruppen entlang der Variablen Alter und Geschlecht (vgl. hierzu Tippelt, 2025, 15). Einige Plattformen wie Snapchat, BeReal, TikTok, Instagram und Facebook weisen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis auf; Pinterest dagegen wird zu etwa 70 Prozent von Frauen genutzt, während der Männeranteil auf X bei 80 Prozent liegt. Auch auf BlueSky, Threads, Mastodon und Twitch sind Männer deutlich überrepräsentiert. Facebook hat mit einem Altersdurchschnitt von 50 Jahren die ältesten Nutzer*innen und Snapchat, gefolgt von BeReal und Twitch, die jüngsten. TikTok, Threads, Bluesky und Mastodon liegen alle bei einem Durchschnittsalter von etwas über 30 Jahren; Pinterest-, Instagram- und X-Nutzer*innen sind im Durchschnitt noch unter 40. Die Beliebtheit von Roblox wächst rasant, vor allem bei Minderjährigen. Auch die Spieleplattform Steam bietet neben Online-Computerspielen Chat- und Forenfunktionen an und richtet sich an ein sehr junges Publikum.

Telegram ist vor allem in der Ukraine und in Russland weit verbreitet; in Deutschland ist WhatsApp mit Abstand der am häufigsten genutzte Messengerdienst. Twitter/X wurde auch vor der Übernahme durch Musk in den USA breiter genutzt als in Deutschland; hierzulande blieb das Medium hauptsächlich die Domäne von Medienschaffenden, Politiker*innen und Wissenschaftler*innen und war damit auch bezüglich der Nutzerzahlen kleiner. Inzwischen gilt die Plattform als offenes Feld für extrem rechte Agitation. Die alternativ entstandenen Dienste BlueSky und Mastodon sind bisher nicht aus ihrem Nischendasein in einigen westlichen Ländern herausgekommen, wo sie besonders bei jungen, technikaffinen und progressiven Nutzer*innen beliebt sind. Facebook bleibt in vielen Ländern der Welt nach wie vor die Nummer eins der Netzwerke; in Russland und in mit ihm verbündeten Ländern ist das (sehr ähnlich funktionierende) Netzwerk vk aber deutlich wichtiger.

Auch die extreme Rechte nutzt die diversen Plattformen in sehr unterschiedlicher Weise, je nach Zielgruppe, Funktion und Verbreitung. Eine naheliegende, in der Bewegungsforschung häufig vorgenommene Unterscheidung wäre in diesem Zusammenhang die zwischen interner und externer Kommunikation. Hoffjann und Gusko (2018, 297) bezeichnen dies – mit etwas technischem Vokabular – als (nach innen gerichtete) „Mitgliederbindungskommunikation“ und (nach außen gerichtete) „Legitimationskommunikation“. Jene wendet sich primär an die eigene Gruppe, diese sucht den Einfluss nach außen; beide Kommunikationsmodi stehen sich dabei aber auch oft entgegen (Schmitter/Streeck, 1999). Auf manchen Plattformen werden sie gleichwohl erfolgreich miteinander kombiniert, und in den sozialen Medien mit ihrem prinzipiell „verbindenden Charakter“ fällt diese Unterscheidung der Tendenz nach ohnehin weniger ins Gewicht (Bennett/Segerberg, 2012). So lassen sich einerseits über Telegram-Kanäle sehr viele Menschen erreichen; beispielsweise versuchten die Freien Sachsen während der Corona-Pandemie und im Anschluss, Menschen in ganz Sachsen anzusprechen, und zwar dezidiert über die einschlägigen Neonazi- und Reichsbürgermilieus hinaus (Kiess/Nattke, 2024). Andererseits arbeiten verschiedene Akteure daran, die Kohäsion innerhalb kleinerer Szenen über Telegram-Gruppen zu verstärken – bis hin zur Planung von Gewalttaten (wie etwa die mutmaßlich rechtsterroristische Gruppe Sächsische Separatisten). Auf Plattformen wie Instagram und YouTube lassen sich mit – bei oberflächlicher Betrachtung – weniger radikalen Botschaften breitere Bevölkerungsschichten erreichen, während auf Imageboards oder in Discord-Kanälen Tacheles geredet bzw. geschrieben und in den Chats der Plattformen auch direkt rekrutiert wird.

Im Folgenden bieten wir einen Literaturüberblick zu den verschiedenen Nutzungsformen der diversen Plattformen durch die extreme Rechte.

 

Soziale Plattformen und wie die extreme Rechte in Deutschland sie nutzt

 

Facebook

Die Hauptfunktionen von Facebook waren seit seiner Gründung die soziale Vernetzung, die Kommunikation mit Freund*innen und Bekannten (über den Facebook-Messenger) sowie der Austausch mit an ähnlichen Themen Interessierten in offenen oder geschlossenen Gruppen. Diese Funktionen wurden jedoch nicht nur privat genutzt, sondern zunehmend auch von politischen Parteien strategisch eingesetzt.

Die AfD dominierte den politischen Diskurs auf Facebook während der Bundestagswahlkämpfe 2017 und 2021 (Matlach/Hammer, 2024). Knapp 85 Prozent aller von deutschen Parteien weiterverbreiteten Beiträge auf Facebook stammten von der AfD (Dittrich et al., 2020). Bis heute wird die Plattform von der Partei und ihren Anhänger*innen intensiv genutzt. Auch andere Gruppierungen greifen auf Facebook zur nationalen und transnationalen Vernetzung zurück (Hammer et al., 2022; Ritzmann/Holznagel, 2021). Zudem bewerben extrem rechte Akteur*innen ihre Merchandise-Onlineshops, Musiklabels, Kampfsportvereinigungen und Prepper-Organisationen auf der Plattform (Ritzmann/Holznagel, 2021). In geschlossenen Gruppen schließlich werden offen Hass und Menschenfeindlichkeit ausgelebt, Ängste geschürt und Straftaten von Migranten – insbesondere sexualisierte Gewalt – emotionalisiert diskutiert (Dittrich et al., 2020). Nicht zuletzt die Dresdner Protestorganisation PEGIDA entstand 2013 aus einer Facebook-Gruppe heraus, wie sich auch andere rechtsextreme Demonstrationen in Reaktion auf die verstärkte Fluchtmigration ab 2013 über die Dienste dieses Netzwerks organisierten (Kiess/Nattke, 2024).

Während Facebook von der AfD vor allem als Wahlkampftool mit großem Reichweitenpotenzial genutzt wird, sind die verschiedenen Gruppenfunktionen der Plattform durchaus auch für kleinere Gruppen und interne Radikalisierungsprozesse relevant.

 

TikTok

TikTok gilt als Leitmedium der Generation Z und ermöglicht den direkten Zugang zu einer vulnerablen Zielgruppe (Schnabel/Berendsen, 2024). Das Funktionsprinzip der seit Jahren höchst erfolgreichen Plattform ist primär durch Algorithmen determiniert, die weniger darauf reagieren, welchen Accounts man folgt, als vielmehr darauf, mit welchen Inhalten man wie lange interagiert (Content Graph; Schnabel/Berendsen, 2024). Infolgedessen werden kurze, prägnante und polarisierende Inhalte belohnt, die starke Emotionen wie Wut oder Empörung auslösen. Dies führt dazu, dass extremistische Botschaften oft bevorzugt ausgespielt werden, weil sie hohe Interaktionsraten erzielen (Franke/Hajok, 2024; Matlach/Hammer, 2024).

Die extreme Rechte nutzt eine spezifische „Polit-Ästhetik“, um hasserfüllte Botschaften sinnlich und ästhetisch ansprechend zu verpacken (Schnabel/Berendsen, 2024). Zudem kapert sie gezielt beliebte Trends wie beispielsweise Filter, Hashtags oder Musik, um eigene Narrative in den Mainstream einzuschleusen (pre:bunk, 2023a; Wetzel/Stock, 2026) und vermittelt ihre Ideologie oft unterschwellig als „leichtes Konsumgut“ in Verbindung mit unpolitisch wirkenden Themen wie Ernährung, Fitness, Natur oder Mode (Lehmann/Schröder, 2021). Diese sogenannte Lifestyle-Camouflage findet sich zum Beispiel beim Trend „Get ready with me“, um während des Schminkens oder Anziehens wie beiläufig über politische Themen zu sprechen (pre:bunk, 2023b).

Inzwischen ist TikTok fester Bestandteil der Online-Strategie der AfD, die als eine der ersten deutschen Parteien auf der Plattform vertreten war und sie seither sehr erfolgreich bespielt (Bösch, 2023). Häufiger als von demokratischen Parteien erhalten Nutzer*innen Videos, die von der AfD gepostet wurden oder sie unterstützen (Tjaden et al., 2025). Ältere Akteure wie Maximilian Krah inszenieren sich als „Kümmerer“ oder väterliche Ratgeber, um angeblich verunsicherte männliche Jugendliche anzusprechen. Rechtsextreme Ideologie wird als „cool“ und „anders“ dargestellt und das Bekenntnis zu ihr als rebellischer Akt gegen ein vermeintlich „wokes“ Establishment inszeniert. Insgesamt nutzt die extreme Rechte TikTok eher für die Verbreitung von politischen Inhalten – wobei diese Inhalte durchaus auch zur Radikalisierung beitragen und gewaltorientierte Mobilisierungen (wie etwa rund um Christopher Street Days) begünstigen können.

 

Instagram

Instagram wird von einem aktiven Netzwerk rechter Influencer*innen genutzt, das gezielt versucht, neue Anhänger*innen zu rekrutieren (Matlach/Hammer, 2024). Neben dezidiert politischen Accounts sind insbesondere die rechtsextreme Kampfsportszene, Rechtsrock-Musiker*innen und rechtsextreme Bekleidungslabel auf der Plattform präsent (Dittrich et al., 2020).

Wie auch bei TikTok versuchen diese Akteure, ihre Ideologie durch scheinbar unpolitische Themen als leichtes Konsumgut zu vermitteln (ebd.). Beim sogenannten Hashtag-Hijacking werden populäre Instagram-Hashtags aufgegriffen, um Beiträge gezielt in die Feeds von Nutzer*innen einzuspeisen, die noch nicht folgen (ebd.). Die bewusste Inszenierung eines scheinbar „normalen“ Privatlebens ist dabei eine Kernstrategie, um emotionale Barrieren abzubauen. Durch Einblicke in Leben und Alltag der Aktivist*innen (z. B. Wanderungen, Urlaubsfotos, gemeinsames Biertrinken) sollen „parasoziale Bindungen“ zu den Follower*innen aufgebaut werden, um so Vertrauen zu schaffen und die ideologische Haltung zu verharmlosen (ebd.; Ritzmann/Holznagel, 2021).

Weil Instagram den Fokus auf Selbstdarstellung und -inszenierung legt, eignet sich die Plattform für geschlechtsspezifische und identitätsstiftende Rekrutierung, mit der sich gezielt ein junges Publikum adressieren lässt (Echtermann et al. 2020): Frauen inszenieren sich beispielsweise als nährende „Tradwives“ in idyllischen Naturkulissen, während Männer sich als wehrhafte Kämpfer oder Soldaten in der Kampfsportszene präsentieren (Rösch 2023); dasselbe gilt auch für die Selbstdarstellung auf TikTok (Franke/Hajok, 2023). Insgesamt wird Instagram vor allem zur Weiterverbreitung extrem rechter Ideologie genutzt, weniger zur internen Konsolidierung.

 

YouTube

YouTube dient verschiedensten extrem rechten Akteuren unter anderem dazu, Interviews oder Zusammenschnitte von Kundgebungen hochzuladen und zu verbreiten (Dittrich et al., 2020). Entstanden ist so ein ganzes Paralleluniversum „alternativer Wahrheiten“: Zu beobachten ist die weite Verbreitung von Desinformation, Propaganda und Verschwörungserzählungen, da die Plattform zwar eine inhaltliche Vielfalt politischer Debatten ermöglicht, aber auf jegliche redaktionelle Kontrolle verzichtet (Al-Rawi et al., 2019). Eine extrem rechte Strategie auf YouTube ist es beispielsweise, Videos politischer Gegner aufzugreifen und polemisch zu kommentieren, wobei oft mehr Menschen erreicht werden als mit dem ursprünglichen Video selbst (Kemmesies et al., 2025).

Wie auch auf Instagram agieren extrem Rechte auf YouTube als Influencer*innen, bei denen die Grenzen zwischen Information, privater Meinung und Aktivismus verschwimmen. Durch (vermeintlich) private Einblicke versuchen sie, eine emotionale Bindung zu ihrem Publikum aufzubauen (Kemmesies et al., 2025; Kneidinger-Müller, 2023). Unter anderem nutzt die Identitäre Bewegung YouTube strategisch zur Image-Modernisierung und Steigerung ihrer Attraktivität für ein breiteres Publikum (Dittrich et al., 2020). Mit über 100.000 Abonnent*innen war Martin Sellner vor seiner Sperrung lange Zeit das prominenteste Gesicht der Identitären auf YouTube (ebd.). Mit seinem lockeren, modern wirkenden Auftreten versuchte er, rassistische Inhalte als akzeptable Normalität zu vermitteln.

Auch bei YouTube kommt Algorithmen eine Schlüsselfunktion zu, um die Steuerung der Aufmerksamkeitsökonomie (Franck, 1998) zu perfektionieren, damit Menschen möglichst lange auf der Plattform gehalten werden. Da Nutzer*innen einem Kanal nicht folgen müssen, um Inhalte anzusehen, hat das Empfehlungssystem der Plattform einen besonders starken Einfluss (Kakavand, 2024): Etwa 70 Prozent der auf YouTube angesehenen Inhalte werden direkt durch den Empfehlungsalgorithmus generiert (Haroon et al., 2022). YouTube wird häufig als „Great Radicalizer“ bezeichnet, da zumindest in der Vergangenheit radikalere Inhalte durch den Algorithmus gefördert wurden (Schmitt et al., 2018). Aktuelle Analysen sind uneins darin, ob das auch weiterhin zutrifft oder ob dieser Effekt primär bei solchen Nutzer*innen auftritt, die bereits eine diesbezüglich affine Einstellung haben, und ob die Verbreitung rechtsextremer Inhalte auch stark durch eine entsprechende genuine Nachfrage getrieben wird (Kemmesies et al., 2025; Munger/Phillips, 2022).

Auf YouTube versuchen extrem Rechte, sowohl breitere Milieus anzusprechen als auch szeneinterne Debatten zu führen, um die interne Kohärenz zu stärken. Insbesondere aber ist die potenziell globale Reichweite von Bedeutung, die YouTube anderen „alternativen“ Plattformen wie z.B. Odysee überlegen macht.

 

X

Die einst als meinungsprägend geltende und im gesamten politischen Spektrum genutzte Microblogging-Plattform X (vormals Twitter) verzeichnete nach der Übernahme durch Elon Musk im Oktober 2022 einen deutlichen Rechtsruck (Newman et al., 2025). Unter anderem hat sich die Zahl antisemitischer Tweets in den ersten drei Monaten nach der Übernahme mehr als verdoppelt. Auch rassistische und frauenfeindliche Inhalte nahmen massiv zu (Matlach/Hammer, 2024). Dahinter standen – unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit – Maßnahmen der neuen Unternehmensführung zur Lockerung der Moderation, wie die Auflösung des Trust and Safety Councils, der Ausstieg aus den EU-Verhaltenskodizes gegen Desinformation sowie die Reaktivierung zahlreicher zuvor gesperrter rechtsextremer Accounts durch eine „Generalamnestie“ (Matlach/Hammer, 2024). Der neue Algorithmus bevorzugt zudem zahlende (angeblich „verifizierte“) User*innen, wodurch aber auch Hassrede und Desinformation dieser Accounts aktiv in den For-You-Feeds gefördert werden (Newman et al., 2025). Durch diese Lockerungen wurde X für Rechtsextreme wieder so attraktiv, dass die Nutzung alternativer Dienste wie Gettr bereits Ende 2022 deutlich zurückging (Matlach/Hammer, 2024).

Schon vor seiner Umbenennung wurde Twitter besonders von der Neuen Rechten und dem sich intellektuell gebenden Teil der Szene (Politiker*innen der AfD, Akteure der Identitären Bewegung und rechts-alternative Medienblogs) genutzt (Dittrich et al., 2020), die dezidiert Anschluss an die breite Öffentlichkeit suchten, dabei aber journalistische Gatekeeper umgehen wollten (Kakavand, 2024). Während auf anderen Plattformen Emotionen zentral sind, nutzen extrem Rechte X eher für den Austausch von (pseudo-)wissenschaftlichen Statistiken und Nachrichten, um Glaubwürdigkeit zu generieren (Ahmed/Pisoiu, 2021; Kakavand, 2024).

X war und ist immer wieder Schauplatz für koordinierte digitale Angriffe, die oft auf externen Plattformen wie Discord geplant werden (zum Folgenden siehe Kreißel et al., 2018). Für gezielte „Raids“ werden Uhrzeiten und Hashtags verabredet, um politische Gegner*innen oder Medien massiv mit Hasskommentaren zu fluten. Bekannte Beispiele sind die Kampagnen #Stolzmonat, #Kikagate, #Kandelistueberall oder #120dB. Bei sogenannten „Sniper-Missionen“ werden Personen des öffentlichen Lebens so lange provoziert, bis sie zu verbalen Überreaktionen neigen, um sie anschließend bloßzustellen. Die Analyse von über 1,6 Millionen Posts belegt dabei, dass eine kleine, hochaktive Minderheit (ca. 5 Prozent der Accounts) für einen Großteil des koordinierten Hasses verantwortlich ist.

Eine weitere spezifische Strategie der AfD und anderer extrem rechter Akteure auf X ist das „Hashtag-Jacking“ oder „Hashjacking“ (Matlach/Hammer, 2024). Dabei werden Hashtags politischer Gegner (z.B. #MeToo oder #Aufschrei) oder neutrale Trends strategisch genutzt, um eigene, oft migrationsfeindliche Narrative in fremde Timelines einzuschleusen (ebd.). Durch massenhaftes koordiniertes Posten unter einem Schlagwort versuchen Gruppen wie Reconquista Germanica außerdem, eigene Themen in die Top-Trends der Plattform zu bringen, um mediale Aufmerksamkeit zu erzwingen (Kreißel et al., 2018).

 

WhatsApp

Eine gänzlich andere strategische Bedeutung hat der weitverbreitete Messenger-Dienst WhatsApp. Immer wieder ist hier eine Radikalisierung in geschlossenen Gruppen zu beobachten (Dittrich et al., 2020), die allerdings oft erst durch nachrichtendienstliche oder investigativ-journalistische Arbeit aufgedeckt wird. Gruppen wie Freital und rechtsextreme Prepper-Netzwerke wie Nordkreuz nutzten sie zur Vorbereitung von Straftaten und zur Verabredung gewaltsamer Aktionen. Auch innerhalb der AfD wurden WhatsApp-Gruppen für den internen Austausch genutzt, wobei 2017 publik gewordene Chatverläufe, die dort herrschende radikale Sprache offenlegten (Dittrich et al., 2020; Wienand, 2017). In Schleswig-Holstein wurden vermehrt Vorfälle in Klassenchats gemeldet, in denen Jugendliche mit rechtsextremen Inhalten und Ungleichwertigkeitsvorstellungen konfrontiert wurden (von Bargen et al., 2023).

WhatsApp wird auch genutzt, um Aktionen auf anderen Plattformen zu steuern, beispielsweise die koordinierte Platzierung von Hashtags auf X (Kakavand, 2024). Zudem arbeitet die extrem Rechte am Versuch einer Normalitätsverschiebung, wenn Memes und Sticker geteilt werden, die oft NS-Symbolik oder rassistische Botschaften enthalten (von Bargen et al., 2023).

Um der Verbreitung von Desinformation (besonders während der Corona-Pandemie) entgegenzuwirken, wurde die Funktion zum Weiterleiten von Nachrichten auf WhatsApp stark eingeschränkt, zunächst auf fünf Empfänger und später noch weiter limitiert (Dittrich et al., 2020). Diese Regulierungsbemühungen führten dazu, dass Akteure wie Martin Sellner oder Lutz Bachmann dazu aufriefen, auf Telegram auszuweichen, da dort praktisch keine Inhaltsmoderation stattfindet und deutlich größere Gruppen möglich sind.

 

Telegram

Telegram selbst wird intensiv für die Protestmobilisierung und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung genutzt. Die Kombination aus Messaging-Funktion (Chats, Gruppen) und Broadcasting-Plattform (Kanäle) macht die App einerseits für den Alltagsgebrauch attraktiv. Andererseits und vor allem ermöglicht Telegram aber eine höhere Anonymität und einen besseren Schutz der Privatsphäre als WhatsApp – bei gleichzeitig größerer Reichweite und besseren Mobilisierungsmöglichkeiten, da hier Gruppen mit bis zu 200.000 Mitgliedern möglich sind und unbegrenzte Kanäle beliebig erstellt werden können (Breidenbach, 2025). Eine große Rolle spielen daher direkte Aufrufe zu On- und Offline-Aktionen (Jost/Dogruel, 2023) wie z.B. durch die „Querdenken“-Bewegung und die rechtsextreme Kleinstpartei Freie Sachsen (Kiess et al., 2022).

Die öffentlichen Telegram-Kanäle sind geeignet, Botschaften in einem gemäßigteren Ton an eine breitere Öffentlichkeit zu senden, um Anschlussfähigkeit zu erzeugen (Matlach/Hammer, 2024); geschlossene private Gruppen wiederum bieten Raum für den Austausch rechtsextremen Gedankenguts in Form von rassistischen Bildern, Memes oder Kommentaren, bis hin zu Umsturzfantasien – und dies relativ geschützt vor öffentlicher Beobachtung (Breidenbach, 2025). Insbesondere die Funktion, Beiträge aus anderen Kanälen weiterzuleiten, schafft ein dichtes Netzwerk, in dem Nutzer*innen schnell von gemäßigten Inhalten zu radikal rechtsextremen Positionen geleitet werden (Kemmesies et al., 2025).

Darüber hinaus dient Telegram aber auch der ideologischen Festigung von Gruppen, ihrer internen Kohäsion und Identitätsstiftung (Matlach/Hammer, 2024). Durch Likes, Emojis und die Kommentarfunktion entstehen Binnenräume für den wechselseitigen Austausch, die ein Gefühl der Gemeinschaftszugehörigkeit schaffen und in denen parasoziale Bindungen zu Führungsfiguren aufgebaut werden (Breidenbach, 2025). In diesen Communities werden Ankündigungen, Links zu YouTube-Kanälen, Memes und Videos weiterverbreitet (Matlach/Hammer, 2024), und mit immer extremeren Aussagen lässt sich die Radikalisierung innerhalb der Gruppe beschleunigen (vgl. Seemann, 2021).

 

Discord

Auch der Messaging-Dienst Discord wird intensiv für die Koordination von Online- und Offline-Aktionen genutzt (Jugendschutz.net 2024). Aktivist*innen des Netzwerks Reconquista Germanica etwa nutzten Discord, um Einfluss auf die Bundestagswahl 2017 zugunsten der AfD zu nehmen. Dabei operierten sie intern mit Wehrmacht-Vokabular und strikten Hierarchien (Kreißel et al., 2018). Immer wieder lassen sich die bereits erwähnten „Sniper-Missionen“ auf Discord zurückverfolgen (Brandenburg et al., 2025). Daneben sollen mit Strategien wie „Clear and Hold“ Hashtags gekapert und unter dem Befehl „Search and Destroy“ Beiträge mit Memes überschwemmt werden (ebd.). Insbesondere in der Gaming-Szene, aber eben auch darüber hinaus dient die Plattform der Organisation von „Hate Raids“ (organisierte Trolling-Angriffe). Ziel dieser Kampagnen ist es, politische Gegner, Medien oder als „feindlich“ markierte Gruppen (wie queere oder nicht-weiße Streamer auf Twitch) gezielt mit Hasswellen zu überfluten (Tuck et al., 2023; Prinz et al., 2025).

In sogenannten „Fringe-Communities“ (Randgemeinschaften) auf Discord wird gezielt „Borderline Content“ eingesetzt (Brandenburg et al., 2025). Dabei handelt es sich um Inhalte, die sich an der Grenze zur Legalität bewegen, um rechte Ideologien schleichend zu normalisieren, ohne sofort Sperrungen zu riskieren. Auch werden Gaming-Abende organisiert, um Interessierte aus der Gaming-Community anzusprechen (Jugendschutz.net, 2024). Patriotische Videospielturniere oder extrem rechte Gaming-Jams sollen über das Sprungbrett Gaming mobilisieren (Prinz et al., 2025). Neben Spielen finden organisierte Gesprächsrunden zu bestimmten Themen statt, zu denen teilweise Gäste als Sprecher*innen eingeladen werden, um die ideologische Basis zu festigen (Dittrich et al., 2020).

Für Jugendliche dient Discord als Ort der Gemeinschaftsbildung in einer Phase der Identitätssuche, weshalb sie hier anfällig für extrem rechtes Cybergrooming sind, bei dem unter dem Deckmantel alltäglicher Vernetzung gezielt Kontakt zu Minderjährigen gesucht wird (Jugendschutz.net, 2024). Die dezentrale Struktur der Plattform erschwert nicht nur die Überwachung und Strafverfolgung durch Behörden, sondern auch die wissenschaftliche Erforschung, da man jeden Server individuell kennen und ihm beitreten muss (Tuck et al., 2023).

 

Roblox

Auch Roblox ist aufgrund seiner jungen Nutzerbasis ein attraktives Feld für metapolitische Strategien der extremen Rechten, um menschenfeindliche Narrative frühzeitig zu normalisieren und Nachwuchs zu rekrutieren (Prinz, 2023; Brandenburg et al., 2025). Zu diesem Zweck werden Modifikationen und „Erlebnisse“ genutzt, mit denen rechtsextrem motivierte Attentate (z.B. die Anschläge von Christchurch, Halle oder Buffalo) detailgetreu nachgespielt werden können, Spieler*innen in das nationalsozialistische Berlin des Jahres 1940 versetzt werden oder in denen sie gegen als „Dämonen“ dargestellte Feministinnen kämpfen müssen (Brandenburg et al., 2025). Nutzer*innen können Konzentrationslager virtuell nachbauen, Management-Simulationen von Vernichtungslagern erstellen oder antisemitische Demonstrationen nachstellen (ebd.).

Mit deutlich geringerem technischen Aufwand wird bereits der Favoritenbereich rechter Profile genutzt, um extremistische Bilder und Ideologien zu verbreiten: Spieler*innen können hier zum Beispiel ihre bevorzugten Kostüme, Gegenstände oder Orte markieren und präsentieren (ebd.), aber es werden von den Nutzer*innen auch Skins mit IS-Flaggen, Hakenkreuzen oder SS-Runen generiert, die sich gegen die plattformeigene virtuelle Währung Robux verkaufen lassen (Schlegel et al., 2025).

Roblox dient zudem als Basis für die weitere Radikalisierung auf Discord (Brandenburg et al., 2025; Jugendschutz.net, 2024); dabei wird der Radikalisierungsprozess als schleichend beschrieben. Er beginnt oft mit „netten Gesten“ wie Hilfsangeboten beim Bauen oder dem Verschenken der In-Game-Währung, um Vertrauen aufzubauen, bevor die Einladung auf externe Discord-Server erfolgt (Schlegel et al., 2025).

 

Reddit

Das Internetforum Reddit dient als Raum für intensive Identitätsarbeit, bei dem durch Interaktion und Verhandlung eine gemeinsame kollektive Identität und ein Wir-Gefühl konstruiert werden (Gaudette et al., 2021). Mit der Strategie des „Othering“ wird primär durch die Abgrenzung von Feindbildern (Out-Groups) die eigene Gruppe (In-Group) definiert und so deren Identität gefestigt. In extrem rechten Subreddits wie r/The_Donald finden Nutzer*innen eine Umgebung vor, die als Echokammer funktioniert: Eigene Überzeugungen werden dort durch Gleichgesinnte kontinuierlich bestätigt und verstärkt. Es bilden sich ideologische Subkulturen und Fangemeinden (Fandoms), in denen codierte Begriffe (z. B. „ZOG“ für „Zionist Occupied Government“, „honk honk“ für „Heil Hitler“) genutzt werden, die für Gruppenmitglieder erkennbar sind (Schlegel et al., 2025). Subreddits wie r/KotakuInAction dienen als Sammelbecken für Unterstützer*innen der GamerGate-Kampagne, die ihrerseits als Wegbereiter der Alt-Right-Bewegung in den USA gilt. Hier wurden unter dem Deckmantel von Medienkritik misogyne und rechtsextreme Narrative verbreitet (Brandenburg et al., 2025; Schlegel et al., 2025).

Auf Reddit (und Discord) finden sich Spuren der Verehrung von Attentätern (z.B. von Elliot Rodger oder dem Täter von Christchurch), die als „Heilige“ (sogenannte „Saints Culture“) stilisiert werden (Schlegel et al., 2025). Vor allem aber haben die Diskurse auf Reddit über die Plattform hinaus großen Einfluss. Das zeigt sich besonders an der oft hier beginnenden Verbreitung von Memes,[1] die radikale Botschaften humoristisch tarnen und so die Grenzen des Sagbaren verschieben (Brandenburg et al., 2025). Reddit fungiert bei der Cross-Plattform-Mobilisierung auch als Verteilerstation: Inhalte, die auf Spieleplattformen wie Roblox erstellt wurden, werden über Reddit geteilt, um ein größeres Publikum zu erreichen (Schlegel et al., 2025). Auch wird vermehrt von Links zu rassistischen Gaming-Playlisten auf dem Audio-Streamingdienst Spotify berichtet (Schlegel et al., 2025).

 

Zusammenfassung: extrem rechte Dauerbeschallung

 

In der Gesamtschau wird deutlich, dass extrem rechte Akteur*innen auf allen relevanten Plattformen sehr aktiv und hinsichtlich des politischen Diskurses teilweise mit Abstand am einflussreichsten sind. Die auf Instagram und Co. deutlich wichtigeren Themenfelder Sport, Lifestyle, Mode usw. bleiben davon nicht verschont, da extrem Rechte immer wieder gezielt aktuelle Trends aufgreifen, Hashtags kapern oder Lifestyle-Themen politisieren. Hegemonietheoretisch – und neurechte Aktivist*innen orientieren sich bekanntermaßen an solchen Ideen (Hagedorny et al. 2025) – lässt sich dies als (digitale) Raumnahme fassen, parallel zur „analogen“ Raumnahme (siehe Heitmeyer, 1999) in Stadtteilen oder Dörfern durch Graffiti, Aufkleber, Demonstrationen oder die Präsenz auf oder in der Nähe von Schulhöfen. Analog wie digital ist diese Raumnahme nicht nur bedrohlich für Andersdenkende, sondern zielt vor allem auf die Reproduktion von (Diskurs-)Macht. In den online entstehenden Echokammern und Teilöffentlichkeiten ist eine extrem rechte Dauerbeschallung zu verzeichnen, die mal auf die Verbreitung und Normalisierung ihrer Inhalte in möglichst breiten Bevölkerungskreisen, mal auf die weitere Radikalisierung von „Insidern“ setzt. Einige Plattformen bieten für beides die technischen Voraussetzungen wie etwa die Kanal- und Gruppenfunktionen bei Telegram oder die Video- und Beitragstools von Facebook im Zusammenspiel mit den privaten Messenger- und Gruppenfunktionen auf dieser Plattform andererseits. Manche Plattformen eignen sich insbesondere für die interne Kommunikation und Radikalisierung (Discord, Reddit), andere vornehmlich als Propagandaplattform (X, TikTok).

Wie wir im Digital Report 2025-1 für TikTok gezeigt haben (Wetzel/Kiess, 2025), können demokratische Parteien der Dominanz der AfD durchaus auch etwas entgegensetzen. Allerdings ist in der „TikTok-Öffentlichkeit“ immer im Vorteil, wer nicht auf komplexe Argumente und demokratische Umgangsweisen setzt: „Aufmerksamkeit schlägt Argument, Emotion dominiert Diskurs, Geschwindigkeit verdrängt Nachdenken“ (Kolleck, 2026, 228). Die Vielzahl der Plattformen und Anknüpfungspunkte zeigt auch, dass wirksame Gegenstrategien jedenfalls einzelner demokratischer Akteur*innen in die Hase-Igel-Falle laufen: Der Fokus auf eine Plattform oder eine Form vernachlässigt zwangsläufig unzählige weitere Handlungsfelder. Eine Gegen-Meme-Kultur beispielsweise auf Reddit aufzubauen, um ein umfassendes Gegenangebot an Bildmaterialien zu schaffen, ist daher für demokratische Parteien oder Träger der politischen Bildung weder machbar noch erstrebenswert. Warnungen und Appelle an die User*innen erreichen die vulnerablen Gruppen gerade nicht. Ebenso wenig ist offenkundig auf die Selbstdisziplinierung der Plattformbetreiber zu hoffen. Vielmehr ist anzunehmen, dass der Wettbewerb um User*innen bzw. um deren Zeit und Aufmerksamkeit die Plattformentwickler und ihre Algorithmen zu noch stärker emotionsgeladenen, entgrenzenden Angeboten treibt. Eine politisch-regulative Einschränkung der Plattformen, wirksame Kontrollen sowie eine gesellschaftliche Debatte über die Macht der Plattformbetreiber könnte im Hase-Igel-Spiel hingegen ein Stück weit Waffengleichheit herstellen.

 

Über die Autoren

Julia Dresselhaus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am EFBI im Bereich Online-Monitoring.

Dr. Johannes Kiess ist stellvertretender Direktor des EFBI und leitet dort u.a. den Bereich Monitoring extrem rechter Mobilisierung in Sachsen.

 

Erstveröffentlichung

Dieser Text ist Teil des kommenden EFBI Digital Report 2026-2.

 

Literatur

Ahmed, Reem/Pisoiu, Daniela (2021). Uniting the far right: How the far-right extremist, New Right, and populist frames overlap on Twitter – a German case study. European Societies, 23(2), 232–254.

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Fußnoten

[1] Berühmt-berüchtigt für die Meme-Subkultur sind die sogenannten Imageboards (auch „chans“ genannt), die in puncto Pornografie, politischer Extremismus, Misogynie, Rassismus usw. – bis hin zur Terrorismusverherrlichung – immer wieder für Aufsehen gesorgt haben. Unter anderem veröffentlichten die Attentäter von Christchurch, Powey und El Paso ihre Pamphlete auf dem Imageboard 8chan.

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