Die neue Neonazi-Jugend?
TikTok-Divisionen, Active Clubs und Revolte-Gruppen
von Alexander Ritzmann
Seit dem Frühjahr 2024 hat sich die gewaltorientierte rechtsextreme bzw. neonationalsozialistische Szene in Deutschland durch neue Organisationsformen und Strategien verändert (Wetzel, 2024). Die Jungen Nationalisten (JN, die Jugendorganisation der Partei Die Heimat, ehemals NPD) verfolgen eine „Revolte-Strategie“, andere Akteure organisieren sich in dezentralen „TikTok-Divisionen“ oder sogenannten Active Clubs. Bei alldem spielen auch Akteure und Gruppierungen in Sachsen eine wichtige Rolle. Im Folgenden soll geklärt werden, was hinter diesen neuen Formen steckt und ob sich beispielsweise hinter den Party-Prügel-Posting-Gruppen der „TikTok-Divisionen“ und der „Revolte-Strategie“ ein neues „Kameradschaftsmodell 2.0“ der „altrechten“ (Pfahl-Traughber, 2019) Milieus verbirgt. Abschließend werden Ansätze skizziert, wie darauf reagiert werden kann.
Auf den ersten Blick erinnern einige der neuen Gruppen stark an die Kameradschaftsbewegung der 1990er und 2000er Jahre. Kameradschaften wurden damals als Reaktion auf Vereinsverbote der Innenminister des Bundes- und der Länder gegründet (Klarmann, 2017). Dahinter steckten Konzepte wie „führerloser Widerstand“ und „Organisation ohne Organisationen“ (ebd.). Bereits in jenen Jahren standen „Party und Prügel“ im Zentrum, das rechtsextreme bzw. neonationalsozialistische Gedankengut war das lose Bindeglied.
Die seit etwa zwölf Monaten beobachtbaren neuen rechtsextremen Mobilisierungs- und Rekrutierungsstrategien zeichnen sich ebenfalls durch niedrigschwellige aktions- und jugendorientierte Strukturen aus, die heute auch über soziale Medien wie TikTok, Instagram und Telegram sichtbar werden (Wetzel, 2024). In den Fokus von Beobachtern und Sicherheitsbehörden geraten ist jedoch meist erst die tatsächliche Mobilisierung auf der Straße, beispielsweise zu den dutzenden Gegenprotesten bei Demonstrationen im Rahmen des Christopher-Street-Day (CSD) im letzten Sommer (Mellea/Düker, 2024) und bei gewalttätigen Angriffen auf politische Gegner (Peter, 2025). Von alteingesessenen Rechtsextremen gibt es teils massive Kritik am Party-Prügel-Posting-Teil dieser Entwicklung, teils aber auch Unterstützung.
Die „Revolte“-Strategie der Jungen Nationalisten (JN)
Die NPD-Nachfolgepartei Die Heimat befindet sich seit Jahren in einer massiven Krise (BMI 2024). Ihre Anhänger waren kaum noch zu mobilisieren (17 Heimat/JN-Demonstrationen bundesweit im Jahr 2021, 4 in 2023) und die Mitgliederzahlen sind seit langem rückläufig (3.000 in 2022, 2.500 in 2024). Auch ihre Jugendorganisation JN verlor an Mitgliedern (2021: 280; 2023: 230; BMI, 2024).
Die Heimat und JN setzen deshalb seit dem Frühjahr 2024 eine neue Strategie ein. Mit ihr sollen erlebnisorientierte, aber parteiferne junge Menschen rekrutiert werden. So werden inzwischen neue JN-Ortsgruppen mit dem Label „Revolte“, wie die Elblandrevolte (Wetzel, 2024) in Dresden, die Revolte Franken, Pforzheim Revolte oder die Hessen Revolte gegründet.[1] Bei anderen Gruppen, wie der Chemnitz Revolte, liegen Anhaltspunkte für eine (versuchte) Steuerung durch die JN bzw. Die Heimat vor (ARC, 2025). Die neuen Gruppen haben das Ziel, Jugendliche anzusprechen, die (noch) kein Interesse an traditioneller Parteiarbeit haben. Die „Revolten“ setzen auf flache Hierarchien, aktionsorientierte Erlebnisse wie Wanderungen oder Proteste. Alkohol und Drogen gehören dazu; auf die bei der JN übliche formale Kaderschulung wird verzichtet.
Die Rekrutierung erfolgt insofern unter falscher Flagge. Dabei werden Themen wie Migration, Krieg und Identitätsverlust betont, die Ängste bei Jugendlichen schüren können. Angeboten werden ein Gemeinschaftsgefühl und ein Status-Upgrade, beispielsweise Verteidiger der weißen Deutschen und der deutschen Kultur zu sein. Die Online-Präsenz, insbesondere auf TikTok, Instagram und Telegram, ist jugendgerecht gestaltet, mit kurzen Videos von Demonstrationen, Musik, Feiern und Sport. Dass mit diesen Gruppen ein signifikantes Gefahrenpotenzial verbunden ist, zeigt das Beispiel der Elblandrevolte: Aktivisten der Gruppe haben Angriffe auf politische Gegner durchgeführt und stehen dafür gegenwärtig vor Gericht (MDR Sachsen, 2025a). Auch gibt es Verbindungen zu gewaltbereiten Fußball-Ultra- und Kampfsportmilieus.[2]
In Sachsen und bundesweit ist die „Revolte“-Strategie zumindest quantitativ einigermaßen erfolgreich. Die Heimat hatte im Jahr 2024 in Sachsen ca. 190 Mitglieder, ca. 10 mehr als 2023 (Staatsministerium des Inneren, 2025a). Die Zahl der sächsischen JN-Mitglieder stieg von ca. 40 im Jahr 2023 auf ca. 60 im Jahr 2024, bundesweit stiegen deren Mitgliedszahlen im selben Zeitraum von 230 auf 300 (BMI, 2025a).
Anfang Juni 2024 erreichte die Elblandrevolte bei einer Anti-CSD-Demonstration eine Teilnehmerzahl von ca. 100 Personen (Staatsministerium des Inneren, 2025b). Eine vergleichbare Zahl an Teilnehmern war auch Ende Mai 2025 bei einer weiteren Anti-CSD-Demonstration in Dresden anwesend. Der Block von Elblandrevolte bzw. der JN bestand allerdings nur aus einigen Dutzend Personen. Die meisten Teilnehmer liefen hinter dem Banner von „Deutsche Jugend Voran“ (Weichreite TV, 2025a), einer Gruppe, die zu den „TikTok-Divisionen“ gezählt werden kann.
Faschismus-Fußball-Fashion: Dezentrale „TikTok-Divisionen“
Ebenfalls seit Frühjahr 2024 haben sich dezentrale, lose organisierte rechtsextreme bzw. neonationalsozialistische Gruppen gebildet. Diese präsentieren sich gut sichtbar auf Online-Plattformen wie TikTok und Instagram. Dazu gehören beispielsweise „Deutsche Jugend Voran“ (DJV) und „Jung und Stark“ (JS). Die Gruppen haben bisher keine nachweisbare feste Anbindung an Parteistrukturen, einzelne Personen unterhalten aber Kontakte zur JN und zur neonazistischen Kleinstpartei Der III. Weg (Fuchs et al., 2025). Ihr Auftreten erinnert teilweise an Fußball-Ultras, mit einstudierten Formationen und Gesängen. Dies wurde insbesondere bei der Demonstration gegen den CSD in Bautzen am 10. August 2024 sichtbar (Weichreite TV, 2025b; Mellea/Düker, 2024).
Der Begriff „TikTok-Divisionen“ wurde unter anderem von Patrick Schröder (Die Heimat/Active Clubs) geprägt (Fuchs et al., 2025) und ist teilweise irreführend. Einerseits verfolgen diese Gruppen eine ausgeklügelte Social-Media-Strategie, indem sie jugendaffine Ästhetiken wie Bomberjacken, Sneakers, Springerstiefel oder Fashwave-Optiken (Amadeu Antonio Stiftung, 2021) nutzen und Themen wie Migration mit Identitäts- und Selbstaufwertungsangeboten kombinieren. In Videos und Memes verbreiten sie klare Feindbilder – queere Menschen, Linke, Migranten. Andererseits erfolgen Radikalisierung und Rekrutierung nicht allein online, sondern gerade auch über das soziale Umfeld: Familie, Freunde, Fußballstadion; einige haben sich auf Montagsdemonstrationen kennengelernt (ZDF, 2025). Dies scheint vor allem für den harten Kern zu gelten. Das heißt: Selbst wenn morgen alle Server in Deutschland ausfallen sollten, könnten diese Gruppen offline weiter agieren. Ein Fokus auf die Online-Dimension dieses Phänomens wäre also irreführend.
Die niedrigschwellige Ansprache (Voraussetzung: „weiß, deutsch, national eingestellt“) und die Möglichkeit zur Selbstdarstellung („meine Stiefel, meine Sneaker, meine Bomberjacke“) machen diese Gruppen attraktiv.[3] Die Fluktuation scheint allerdings hoch zu sein (ZDF, 2025). Auch bei diesen Gruppen spielt Gewalt eine Rolle. So wurde der 24-jährige Anführer von DJV Berlin-Brandenburg im April 2025 wegen mehreren Angriffen auf politische Gegner zu drei Jahren Haft verurteilt (Peter, 2025).
Wolf im Schafspelz – Das Active-Club-Netzwerk
Die dritte für den hier betrachteten Kontext relevante Entwicklung ist das Aufkommen des Active-Club-Netzwerks im April 2024, das einer „Wolf im Schafspelz“-Strategie folgt (Ritzmann, 2023). Die in den USA entwickelte Active-Club-Strategie zielt im Kern auf den Aufbau milizähnlicher Strukturen, die sich als Sportclubs tarnen. Offene Bezüge zum Nationalsozialismus sollen vermieden werden, um nicht auf dem Radar der Sicherheitsbehörden zu landen. Durch gewollte Mehrfachmitgliedschaften und unter dem Motto „White Unity“ (Weiße Einheit/Einigkeit) sollen zudem Gräben zwischen rechtsextremen Gruppen überbrückt werden (Ritzmann, 2025). Diese Gruppen präsentieren sich sportorientiert, diszipliniert und drogenfrei. Die Active-Club-Strategie kann somit auch als Ergänzung oder Gegenmodell zu den „Revolten“ und den „TikTok-Divisionen“, die auf Party, Alkohol und Drogen setzen, gesehen werden.
Öffentliche politische Aktionen stehen bei den Active Clubs bisher nicht im Zentrum. Der Active Club Leipzig hatte allerdings, gemeinsam mit anderen Gruppen wie der Elblandrevolte, anlässlich des CSD im August 2024 in Leipzig dazu aufgerufen, „ein Zeichen“ zu setzen.[4] Jedoch war die Polizei massiv präventiv eingeschritten und hatte die insgesamt 300 bis 400 rechtsextremen Teilnehmer am Bahnhof festgesetzt (ZEIT ONLINE, 2024). Im Februar 2025 marschierte ein Active-Club-Block bei einem großen szeneübergreifenden rechtsextremen Gedenkmarsch in Dresden mit (Sachsen.de, 2025). Wie die Elblandrevolte wurde auch das Active-Club-Netzwerk von einem Die Heimat-Funktionär, in diesem Fall Patrick Schröder, gegründet (Ritzmann, 2024a).
Kritik und Reaktionen innerhalb der rechtsextremen Szene
Innerhalb der rechtsextremen Szene gibt es durchaus Kritik an der „Revolte“-Strategie und den „TikTok-Divisionen“: Rechtsextreme Kader wie Alexander Deptolla (Kampf der Nibelungen, Dortmund/Halberstadt) oder Benjamin Moses (Balaclava Graphics, Bautzen) bezeichnen das bei Demonstrationen gezeigte Verhalten (Saufen, Grölen, Pöbeln) als „asozial“ (Wie gesagt, 2024). Negative Stereotype würden bestätigt, es fehle an Disziplin und an der Beherrschung der deutschen Sprache.[5] Moses legte Anfang Juni 2025 noch einmal öffentlich nach und beschimpfte biertrinkende Demonstrationsteilnehmer als egoistische und respektlose „Provinzprolle“.[6]
Und auch zwischen den Akteuren der neuen Gruppierungen herrscht keine Einigkeit. So sagte der Anführer der Elblandrevolte, Stanley P., im Oktober 2024 auf TikTok live, er fände die polizeilichen Hausdurchsuchungen gegen Anhänger von „Deutsche Jugend Voran“ in Berlin gut, da „die ganzen Leute dann vielleicht mal begreifen, dass diese ganzen komischen Gruppen Müll sind“ (ART Dresden, 2025). Ende Dezember 2024 wurde Stanley P. selbst wegen des Vorwurfs der schweren Körperverletzung gegen politische Gegner verhaftet (MDR Sachsen, 2025b).
Es gibt aber auch positive Reaktionen. Martin Sellner, Vordenker der „neurechten“ Identitären Bewegung in Europa, hob Anfang Juni 2025 in einem Telegram-Post unter dem Titel „Keine Panik vor jungen Wilden“ die Nützlichkeit der neuen („altrechten“) Nazi-Jugend hervor. Diese Gruppen würden die Ressourcen der politischen Gegner binden und somit mehr Raum für die Neurechten lassen. Außerdem ließen die „jungen Wilden“ Neurechte wie die IB moderater erscheinen. Sellner hofft zudem, dass die neue Energie und Dynamik das rechtsextreme Milieu insgesamt befeuern werde und es „nach dem Abwetzen der Hörner“ neue Mitglieder für die neurechten Gruppierungen wie die IB geben werde: „Jetzt nach rechts zu schlagen wäre falsch“.[7] Sellner hatte als 17-Jähriger selbst Plakate mit einem Hakenkreuz an der Außenmauer einer Synagoge angebracht (Die Presse, 2019).
Konkrete Einbindungsversuche der „jungen Wilden“ gab es bereits von Patrick Schröder (Die Heimat/Aktive Clubs). Diese scheinen bisher jedoch erfolglos zu sein (Fuchs et al., 2025).
Einordnung der aktuellen „Kameradschaften 2.0“
Rechtsextreme bzw. neonationalsozialistische Jugendstrukturen befinden sich wieder einmal im Wandel. In den 1980er waren Gruppierungen wie die der Hitlerjugend nachempfundene „Wiking-Jugend“ besonders relevant (Der Spiegel, 1999). Nach deren Verbot kam in den 1990er und 2000er Jahren die Neonazi-Skinhead- und Kameradschaftsszene auf. Die NPD versuchte damals diese Szene, die im Jahr 2004 bundesweit aus etwa 160 Kameradschaften mit bis zu 4.000 Mitgliedern bestand (BMI, 2005), zu integrieren, und holte dafür Kameradschaftsführer wie Thorsten Heise in die Partei (Budler, o.J.). In Sachsen wurden die Skinheads Sächsische Schweiz (SSS), die erst als Saalschutz der NPD fungierten, teils in die Partei integriert (Brenner, 2011). Heise ist bis heute stellvertretender Bundesvorsitzender von Die Heimat, ehemals NPD.[8] Ob Heise oder andere alte NPD-Kader die „Revolte“-Strategie vorantreiben, ist gegenwärtig unklar.
Nach einer Vielzahl von Vereins- bzw. Kameradschaftsverboten Ende der 2000er Jahre entstanden die „Autonomen Nationalisten“, die rein visuell vom schwarzen Block der Antifa kaum zu unterscheiden waren (Belltower News 2008). In den 2010er Jahren folgte dann die Identitäre Bewegung, normal gekleidet und mit Kurzhaarfrisur, manchmal im Hippster-Style (Goetz, 2024).
Die aktuell diskutierten neuen Gruppierungen können als erneuter Modernisierungsversuch der rechtsextremen bzw. neonationalsozialistischen Milieus verstanden werden. Es handelt sich bei Ihnen um eine Art „Kameradschaften 2.0“. Zu den sichtbaren Motivationen der hier zuordenbaren Jugendlichen gehören unter anderem Provokation und Kontrakultur gegen den Mainstream und gegen Autoritäten. Zudem werden Ungleichwertigkeitsvorstellungen, insbesondere rassistische und queer-feindliche Stereotype, verbreitet. In einigen Fällen kommt es zu direkten oder indirekten Bezügen zum Nationalsozialismus.[9] Soziale Medien spielen eine offensichtliche Rolle bei der Propaganda, der Vernetzung und der Rekrutierung. Einige junge Menschen sehen aber auch ihr direktes soziales Umfeld (Familie, Freunde, Fußball) als Vorbilder (ZDF, 2025; ARC, 2025). Neonazi-Skinheads der Baseballschlägerjahre (Bangel, 2022) in den 1990er und 2000er Jahren haben heute Kinder im Teenager-Alter. Manche laufen, sozusagen, in den Stiefeln ihrer Väter.[10]
Gesicherte Informationen zur Größe der neuen Gruppierungen liegen derzeit nicht vor. Aktuell geht die Bundesregierung bundesweit von 600 bis 1.000 Personen aus (Deutscher Bundestag, 2025). Die Junge Alternative (JA), die 2.500-Mitglieder starke Jugendorganisation der Alternative für Deutschland (AfD), hat sich im April 2025 selbst aufgelöst, um einem Vereinsverbot zuvorzukommen (LTO, 2025). Es ist möglich, dass sich besonders radikale JA-Mitglieder den neuen Gruppierungen anschließen werden.
Aktuelles Gefährdungspotenzial
Diverse Mitglieder von „Revolte“-Gruppen und „TikTok-Divisionen“ sind wegen Gewaltstraftaten angeklagt, vorbestraft oder haben Einträge im Bundeszentralregister (Jugendstrafrecht) (Peter, 2025). Polizeiliche Hausdurchsuchungen fanden in Sachsen (MDR Sachsen 2025), Brandenburg (RBB24, 2024) und anderen Bundesländern statt. Gegen Mitglieder der rechtsextremen Jugendgruppe Letzte Verteidigungswelle, die Brandanschläge verübt und weitere geplant haben sollen, wird wegen der Bildung oder Unterstützung einer terroristischen Organisation ermittelt (Götschenberg/Schmidt, 2025).
Infolgedessen rief die sächsische JN am 21. Mai 2025 die teils von ihnen selbst geschaffenen Jugendgruppen zur Mäßigung auf: „Wer glaubt, das System der Bundesrepublik durch Gewalt gegen Migranten oder politische Gegner schwächen zu können, irrt doppelt. Solche Taten geben dem Staat nicht nur den Vorwand zum Durchgreifen – sie festigen ihn. Jeder Brandanschlag macht das System stärker, nicht schwächer. Abgesehen davon wird sich unsere Weltanschauung nicht durch Gewalt durchsetzen, sondern durch ihre Überlegenheit, die aus der Orientierung an einem lebensrichtigen Menschenbild resultiert.“[11]
Die absolute Ablehnung der sogenannten „LGBTQI-Ideologie“ gehört zum Minimalkonsens des rechtsextremen bzw. neonationalsozialistischen Milieus (Titz, 2024a). Die seit 2023 jährlich mehr als 200 CSD-Paraden in Klein- und Großstädten in Deutschland[12] (CSD-Termine, 2025) dienen als lokaler und überregionaler Mobilisierungsfaktor für viele rechtsextreme bzw. neonationalsozialistische Gruppen. Dieses Thema überbrückt die Gräben und Kontroversen zwischen den teils zerstrittenen Akteuren (Ritzmann, 2024a). Daher ist auch für den Sommer 2025 – trotz einiger Durchsuchungen, Verhaftungen Verurteilungen und internen Aufrufen zu Mäßigung – erneut mit teils gewaltsamen Angriffen und Anti-CSD-Protesten zu rechnen.
Handlungsempfehlungen
(Rechts-)Extremismus lebt auch von der Provokation und der Selbstinszenierung als Opfer staatlicher Überreaktion. Die Reaktion auf die neuen jugendlichen „Kameradschaften 2.0“ sollte sich auch deshalb stärker am Prinzip „Skalpell“ als an dem des großen „Hammers“ orientieren. Etwa 3,5 Prozent der im Jahr 2024 bundesweit erfassten rechtsextremen Straftaten waren Körperverletzungsdelikte (BMI, 2025b). Das heißt: Nicht jeder 15-Jährige, der ein Hakenkreuz-Meme postet oder einen Hitlergruß zeigt, wird später zum gewaltorientierten Rechtsextremisten oder Neonazi. Die bestehende Jugend-, Sozial-, Bildungs- und Präventionsarbeit sollten deshalb für einen proaktiven Umgang mit dem Phänomen der „Kameradschaften 2.0“ sensibilisiert und befähigt werden, falls das vor Ort noch nicht geschehen ist. Dabei sollten sowohl die aufgezeigten Online- als auch die Offline-Dimension adressiert werden.
Die oben gezeigten strategischen Innovationen, Re-Animationen und Adaptionen der letzten Jahrzehnte wurden oft von führenden Köpfen der davor gescheiterten Gruppierungen initiiert und kontrolliert. Wie beschrieben ist dies teilweise auch heute der Fall. Dadurch werden auch im Wandel einige Konstanten sichtbar, die als Angriffspunkte staatlicher Reaktionen dienen können. Behördliche Gegenmaßnahmen sollten sich auf Gewalttäter und auf die Schlüsselakteure in den jeweiligen Gruppen, also Rekrutierer, Organisatoren und Finanziers, konzentrieren (Ritzmann, 2024b). Verbindungen zu rechtsextremen Hooligan- und Kampfsportmilieus können zudem zu einer „Professionalisierung“ von Gewalt führen, die bisher auch spontan oder unter Alkoholeinfluss stattgefunden hat (Peter, 2025; MDR Sachsen-Anhalt, 2025). Sicherheitsbehörden sollten deshalb Analysen und Gegenstrategien bezogen auf Verbindungen in bestehende gewaltorientierte rechtsextreme Milieus priorisieren.
Über den Autor
Alexander Ritzmann leitet den Arbeitsbereich Analyse und Strategien gegen gewaltorientierte/terroristische, rechtsextreme (transnationale) Netzwerke, offline und online, beim Counter Extremism Project (CEP).
Erstveröffentlichung
Dieser Text ist Teil des EFBI Digital Report 2025-1.
Literatur
Antifaschistische Recherche Chemnitz (ARC) (2025). „Alle in schwarz!“ – Neue junge Neonazis und die Gruppe „Chemnitz Revolte“. 25.01.2025. URL: https://chemnitz.noblogs.org/post/2025/01/08/chemnitz-revolte/ (23.06.2025).
Amadeu Antonio Stiftung (2021). De:hate Report #2: Fashwave – Rechtsextremer Hass in Retro-Optik. URL: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/fashwave-re chtsextreme-koe dern-jugendliche- on-line-mit-hass-in-retro-optik-71699/ (23.06.2025).
Bundesministerium des Innern und Heimat (BMI) (2024). Verfassungsschutzbericht 2023. URL: https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungsschutzberichte/2024-06-18-verfassungsschutzbericht-2023.pdf?__blob=publicationFile&v=17 (23.5.2025).
Bundesministerium des Innern und Heimat (BMI) (2025a). Verfassungsschutzbericht 2024. URL: https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungsschutzberichte/2025-06-10-verfassungsschutzbericht-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (23.05.2025).
Bundesministerium des Innern (BMI) (2025b). Bundeskriminalamt. Bundesweite Fallzahlen 2024 - Politisch motivierte Kriminalität. URL: https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/PMK/2024PMKFallzahlen.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (24.06.2025).
CSD Termine (2025). URL: https://www.csd-termine.de/2025/deutschland (23.05.2025).
Fuchs, Christian / Nejezchleba, Martin / Schmidt Christina (2025). Neonazi, 12, will Zecken jagen. ZEIT ONLINE. URL: https://www.zeit.de/2025/17/deutsche-jugend-voran-rechtsextremismus-jugendliche-gewalt-chats (23.06.2025).
Götschenberg, Michael / Schmidt. Holger (2025). Razzia gegen mutmaßliche rechte Terrorzelle. Tagesschau. URL: https://www.tagesschau.de/inland/razzia-terrorgruppe-100.html (23.06.2025).
Legal Tribune Online (LTO) (2025). Junge Alternative löst sich auf. URL: https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/jugendorganisation-afd-junge-alternative-aufgeloest (26.06.2025).
Mellea,Jessa / Düker Joe (2024). Eine neue Generation von Neonazis: Mobilisierungen gegen CSD-Veranstaltungen im Jahr 2024 durch rechtsextreme Jugendgruppen im Internet. CeMAS. URL: https://cemas.io/publikationen/neue-generation-neonazis-mobilisierung-gegen-csd-veranstaltungen/cemas_-_2024-11_-_research_paper_-_neue_generation_neonazis.pdf (10.06.2025).
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MDR SACHSEN-ANHALT (2025). Angriff auf SPD-Leute: vier Männer aus Sachsen-Anhalt verurteilt. 20.06.2025. URL: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/prozess-urteil-angriff-spd-berlin-neonazis-100.html (21.06.2025).
Klarmann, Michael (2017). Kameradschaften als Strategieelement. Bundeszentrale für politische Bildung. URL: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/253841/kameradschaften-als-strategieelement/ (10.06.2025).
Peter, Erik (2025), Neonazi will jetzt friedlich sein. Taz, 09.04.2025. URL: https://taz.de/Haftstrafe-fuer-Julian-M/!6077719/ (23.06.2025).
Pfahl-Traughber, Armin (2019). Was die "Neue Rechte" ist – und was nicht. Bundeszentrale für politische Bildung. URL: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/284268/was-die-neue-rechte-ist-und-was-nicht/ (22.06.2025).
RBB 24 (2024). Ermittler durchsuchen bei Razzien gegen junge Neonazis zehn Wohnungen. 23.10.2024. URL: https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/10/berlin-brandenburg-razzien-jugendliche-neonazis.html (23.06.2025).
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Ritzmann, Alexander (2024b). Wirksame Maßnahmen gegen rechtsextreme Netzwerke und Finanzstrategien. Counter Extremism Project. 18.03.2024. URL: https://www.counterextremism.com/de/content/wirksame-massnahmen-gegen-rechtsextreme-netzwerke-und-finanzstrategien (23.06.2025).
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Titz, Una (2024). Rechtsextreme Kampagne gegen den Pride Month: Der „Stolzmonat“. Amadeu Antonio Stiftung. 25.06.2024. URL:https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/rechtsextreme-kampagne-gegen-den-pride-month-der-stolzmonat-114483/ (23.06.2025).
Weichreite TV (2025a). CSD Dresden & Gegendemo JN Elbland Revolte 31.5.25. YouTube. Beginn: Stunde 01:02. 31.05.2025. URL:https://www.youtube.com/watch?v=ATntAIjVCXE&t=17015s (23.06.2025).
Weichreite TV (2025b). CSD Bautzen Gegendemos Teil 2/4 Jungen Nationalisten, Junge Alternative, Freien Sachsen. YouTube. 10.8.24. URL: https://www.youtube.com/watch?v=Bbn1CnofDXc (23.06.2025).
Wetzel, Gideon (2024). Are The Kids Far-Right? EFBI Digital Report 2024-3. Leipzig: Else-Frenkel Brunswik-Institut. URL: https://efbi.de/files/efbi/pdfs/Digital%20Reports/2024_3_Digital%20Report.pdf (23.06.2025).
ZDF – Die Spur. Jung. Radikal. Organisiert– Wie gefährlich ist die Neonazi-Jugend? (2025). URL:https://www.zdf.de/play/reportagen/die-spur-224/die-spur-jung-radikal-organisiert-rechtsextrem-fussball-100 (23.06.2025).
ZEIT ONLINE (2024). CSD in Leipzig: Polizei verhindert rechtsextreme Versammlung in Leipzig. 17.08.2024. URL: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2024-08/csd-leipzig-rechtsextreme-demonstration-neonazis (23.06.2025).
Fußnoten
[1] In den jeweiligen Telegram/Instagram-Kanalbeschreibung wird auf JN-Verbände verwiesen/verlinkt. Die JN gründet auch Gruppen mit dem Zusatz „verteidigen“, beispielsweise „Württemberg verteidigen!“.
[2] Mitglieder der Elblandrevolte, z.B. „Chino“, trainieren mittlerweile beim rechtsextremen Kampfsportnetzwerk „Kampf der Nibelungen“. Post vom 20.04.2025, https://t.me/KDN2013.
[3] Siehe diverse diesem Phänomen zuordenbare TikTok und Instagram Profile.
[4] Active Club Leipzig. Telegram Kanal. Post vom 05.08.2024. https://t.me/ActiveClubLeipzig.
[5] Moe’s Taverne – Der Balaclava Podcast (2025). Folge # 40 „Demo Temu Senftürk“, Spotify, 13.04.2025. URL: https://open.spotify.com/episode/22TqfN1wQvHH3HjmUFhn8P?si=7MtSuRoHRG-8F9faAL2jsw (26.06.2025).
[6] Telegram-Kanal von Balaclava Graphics. Post vom 06. 06. 2025. https://t.me/Balaclavagraphics
[7] Telegram-Kanal von Martin Sellner. Post vom 04.06.2025. https://t.me/martinsellnervideos
[8] Onlinepräsenz von Die Heimat: https://die-heimat.de/vorstand/ (12.06.2025).
[9] Eigene Recherchen/Beobachtungen.
[10] Diverse aktuelle TikTok-Profile weisen rechtsextreme Vater-Sohn und Vater-Tochter Bezüge auf.
[11] NPD/JN-Telegram-Kanal „Widerstand im Hügelland“, Post vom 21.05.2025. https://t.me/WiderstandinAktion.
[12] https://www.csd-termine.de/2025/deutschland (23.05.2025).