Das ist alles nur geklaut

Der Tech-Mythos extrem rechter Early Adopters

von Gideon Wetzel & Johannes Kiess

 

Die extreme Rechte gilt in der Nutzung von Technologie zur Verbreitung von Propaganda häufig als „Early Adopter“ (z.B. Fielitz, 2019, 107; Holzinger et al., 2024, 78; Grigori, 2022; Ebner, 2019). Diese These möchten wir kritisch überprüfen. Dazu skizzieren wir zunächst, wie die extreme Rechte in Deutschland Technologien historisch adaptiert und genutzt hat. Wir schlagen dazu einen Bogen vom Wahlkampf und der anschließenden Machtübernahme der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren über die Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre. Den Schwerpunkt bildet dann der Zeitraum von den 1990er Jahren bis in die Gegenwart. Anhand ausgewählter Beispiele diskutieren wir, ob und inwiefern extrem rechte Akteur*innen neu aufkommende Technologien tatsächlich frühzeitig bzw. als erste umfassend eingesetzt haben und welche Gründe dahinterstanden. Dabei erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit, versuchen jedoch, zentrale Phänomene und Plattformen abzudecken. Vor allem wollen wir dazu anregen, die extreme Rechte und ihre „Erfolge“ kritischer zu diskutieren.

 

1930er/1940er Jahre: Nationalsozialismus

Die 1920er Jahre waren von zahlreichen technischen Innovationen geprägt, die durch militärische Entwicklungen im Ersten Weltkrieg beschleunigt worden waren und nun zunehmend auch zivile Anwendung fanden. Die Nationalsozialisten nutzten viele dieser Technologien systematisch für propagandistische Zwecke – sowohl im Wahlkampf als auch nach der Machtübernahme.

Ein besonders prägnantes Beispiel – neben dem massenweisen Einsatz von Anzeigen und Flugblättern – war die Nutzung des Flugzeugs im Wahlkampf. Nur dadurch war es Adolf Hitler möglich, an einem Tag in mehreren Städten aufzutreten. 1932 wurde unter dem Titel „Hitler über Deutschland“ eine Kampagne durchgeführt, die diesen Mobilitätsvorteil gezielt inszenierte: Diese Form des Wahlkampfs war neu und vermittelte den Eindruck von Omnipräsenz, Modernität, Vitalität und Aufbruchsstimmung. Zugleich verlieh sie der NSDAP ein Image von Dynamik und Jugendlichkeit (Scriba, 2015).

Unmittelbar nach der Machtübernahme wurde am 13. März 1933 das „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ unter Joseph Goebbels gegründet. Presse, Literatur, Film und Rundfunk wurden fortan zentral gesteuert, „gleichgeschaltet“ und systematisch für propagandistische Zwecke eingesetzt. Die technische Grundlage für die massenhafte Verbreitung des Rundfunks war bereits im Ersten Weltkrieg geschaffen worden. Um den Rundfunk möglichst flächendeckend nutzbar zu machen, verpflichtete das Propagandaministerium Hersteller zur Produktion standardisierter, baugleicher Radioempfänger – der sogenannten Volksempfänger (König, 2003). Diese sollten kostengünstig in Serie gefertigt und dadurch für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich werden. Zwar waren der Begriff und das Konzept schon Jahre zuvor ersonnen, aber die Idee in der Wirtschaftskrise nicht umgesetzt worden (Diller, 1983). Für Goebbels stellte der Rundfunk das effektivste Mittel der Massenbeeinflussung dar. Ziel war nicht argumentatives Überzeugen, sondern die emotionale Ansprache der Bevölkerung – ein Ansatz, den viele andere Parteien der Weimarer Republik nicht verfolgten.

Auch bei Großveranstaltungen wurden technische Innovationen für die Inszenierung genutzt. Bei öffentlichen Auftritten, etwa den Reichsparteitagen, kam moderne Lautsprechertechnik zum Einsatz, die nicht nur der Verständlichkeit diente, sondern den Raum symbolisch strukturierte und Machtverhältnisse sichtbar machte (Wieselberg/Epping-Jäger, 2009). Lichtinstallationen wie der von Albert Speer entworfene „Lichtdom“ verstärkten diese Wirkung. Erst die Aufrüstung der Wehrmacht ermöglichte den Einsatz der hierfür nötigen leistungsstarken Scheinwerfer in großer Zahl. Akustik und Licht formten so den öffentlichen Raum zu einem politischen Inszenierungsraum (Schmidt, 2020). Reden und Veranstaltungen wurden aufgezeichnet und anschließend medial weiterverwertet, wodurch eine frühe Form multimedialer Propagandaverbreitung entstand, die strukturell bereits heutigen digitalen Weiterverwertungslogiken ähnelt.

 

1950er–1970er Jahre: Vervielfältigungstechnologien

Nach dem Sieg der Alliierten, den Verboten nationalsozialistischer Organisationen und den (teilweisen und schleppenden) juristischen Aufarbeitungen befand sich die extreme Rechte zunächst in einer politisch marginalisierten Position. Während das sogenannte Wirtschaftswunder die gesellschaftliche Stabilisierung der Bundesrepublik begleitete, agierten neonazistische Akteur*innen vor allem außerhalb institutioneller Machtstrukturen (wenn sie sich nicht in die neuen Machtstrukturen integrierten) und entwickelten ihre Kommunikationsstrategien aus dieser Opposition heraus. Die 1950er waren von Wiederaufbau und Reorganisation geprägt. Trotz eines kurzen Auflebens Anfang der 1950er durch die Sozialistische Reichspartei, welche sich in Tradition der NSDAP sah, war die organisierte extreme Rechte weitestgehend marginalisiert.

Erst mit Gründung der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) 1964 kam es zu einem erneuten Erstarken der extremen Rechten. Diese nutzte vor allem Flugblätter, Wurfsendungen und eigene Zeitungen in hoher Stückzahl (bpb, 1968). Später wurden bei militanten Neonazis vor allem jene Medienformen genutzt, die im Konsumbereich verfügbar waren und sich kostengünstig vervielfältigen ließen. Dazu gehörten Tonkassetten, Videobänder sowie Kopierer, mit denen Flugblätter, Fanzines, Broschüren und Aufkleber (re)produziert wurden. Die extreme Rechte nahm hier jedoch keine Vorreiterrolle ein. Vielmehr wurde die Gegenöffentlichkeit der 1960er Jahre von der linken, außerparlamentarischen oppositionellen Bewegung durch eine Vielzahl von Flugblättern, Aufklärungsbroschüren, Musikstücken und Filmen geprägt (Lachenmeier, 2007).

Auch der Nachdruck ideologischer Schriften spielte in diesem Zeitraum eine wichtige Rolle. Mithilfe von Kopiertechnik wurden etwa verbotene oder schwer erhältliche Texte reproduziert und verbreitet, darunter nationalsozialistische Schriften oder international kursierende extrem rechte Literatur. Ein bedeutender Einfluss ging zudem von den USA aus (Janse, 2022). Dort konnten extrem rechte Netzwerke aufgrund anderer rechtlicher Rahmenbedingungen, insbesondere einer liberaleren Handhabung der Meinungsfreiheit, vergleichsweise offen agieren und ihre Publikations- und Vernetzungsstrategien weiterentwickeln. Diese Praktiken wirkten zeitverzögert auf europäische Szenen zurück (Kahn, 2021).

 

1980er und 1990er Jahre: Anfänge des Internets

In den 1980er und 1990er Jahren spielten sogenannte Fanzines eine wichtige Rolle in jugendkulturellen Szenen. Diese in Do-it-yourself-Produktion erstellten Hefte – meist mit Schreibmaschine gestaltet und per Kopierer vervielfältigt – entstanden ursprünglich in der Punk-Szene. Mit der Abspaltung der Nazi-Skinheads wurde das Format übernommen und für eigene Zwecke adaptiert. Fanzines dienten dabei nicht nur der Verbreitung von Musikrezensionen, Szenenachrichten oder politischen Texten, sondern erfüllten vor allem eine wichtige Funktion für die subkulturelle Vergemeinschaftung. Über Zines wurden Authentizität, Szenezugehörigkeit und „richtiger“ Geschmack ausgehandelt, wodurch sie zur Ausbildung von Status und Hierarchien innerhalb der Szenen beitrugen (Prokůpková, 2020).

Anfang der 1990er Jahre nutzten Neonazis Anrufbeantwortersysteme, um Szeneangehörige über Aktivitäten zu informieren. Die entsprechenden Telefonnummern waren als „Nationale Infotelefone“ (NIT) bekannt und kursierten innerhalb der Szene. Regelmäßig aktualisierte Bandansagen informierten über Demonstrationen, Treffen und Aktionen. Das Konzept des Infotelefons stammte ursprünglich aus linken Kontexten (AIB, 1993). Inhaltlich enthielten die Ansagen der NIT neben organisatorischen Informationen häufig Gewaltaufrufe, Diffamierungen politischer Gegner sowie ideologische Botschaften, die sprachlich so formuliert waren, dass sie sich knapp innerhalb rechtlicher Grenzen bewegten (Müller, 1994). Langfristig erwiesen sich die Infotelefone jedoch als wenig effektiv. Zudem gerieten sie ins Visier der Sicherheitsbehörden und wurden überwacht, weshalb viele dieser Angebote bereits nach wenigen Jahren wieder eingestellt wurden (AIB, 1993).

Parallel dazu entwickelten sich die frühen Strukturen des Internets weiter. Über Akustikkoppler und Modems konnten Nutzer*innen sich per Telefonleitung mit sogenannten Mailboxen – Bulletin Board Systems (BBS) – verbinden. Diese meist privat betriebenen Plattformen ermöglichten sowohl private Nachrichten als auch öffentliche Beiträge auf digitalen „Schwarzen Brettern“. Netzwerke wie FidoNet, Usenet oder das Z-Netz existierten bereits seit den späten 1980er Jahren in Deutschland, wurden aber zunächst wieder vor allem von technikaffinen, häufig eher links oder libertär orientierten Nutzer*innen verwendet (Dietzsch/Maegerle, 1997). Rechtsextreme Akteur*innen begegneten diesen Netzwerken ambivalent: Einerseits lehnten sie sie ideologisch ab und diffamierten sie als „linksextrem“, andererseits versuchten sie, vergleichbare Strukturen aufzubauen (ebd.). Auch US-amerikanische Neonazis nutzten bereits seit den 1980er Jahren Computer zur Kommunikation. Innerhalb der NPD wurde diese Entwicklung dann institutionell aufgegriffen. Nach der Wahl Günter Deckerts zum Parteivorsitzenden 1991 richtete die Partei einen „Arbeitskreis Medien und Technik“ ein. Ab 1992 war sie über den BTX-Dienst der Deutschen Telekom präsent (ebd.).

Ebenfalls 1992 gründete der Erlanger Informatiker Thomas Hetzer aus dem Umfeld der NPD-Jugendorganisation Junge Nationalisten (JN) die Mailbox „Widerstand BBS“. Gemeinsam mit der Nürnberger Mailbox „  Phantom“ entstand daraus das „Deutsche National Netz“, das ab 1993 unter dem Namen „Thule-Netz“ firmierte. Der Name fungierte als ideologischer Code mit Bezug zur Thule-Gesellschaft. 1996 umfasste das Netzwerk insgesamt 17 Mailboxen im deutschsprachigen Raum (Deutscher Bundestag, 2019). Im Gegensatz zu vielen anderen Netzen war es zentralistisch organisiert.

Ursprünglich sollte das Netzwerk der Rekrutierung neuer Unterstützer*innen dienen. Allerdings wurden seine Mailboxen in anderen Netzwerken häufig blockiert – eine frühe Form des Deplatformings. Dadurch entwickelte sich das System zunehmend zu einem abgeschotteten Kadernetz. Technisch handelte es sich nicht um eine Eigenentwicklung, sondern um die Übernahme bestehender Konzepte ohne ausreichende Sicherheitsstandards. Die öffentliche Wahrnehmung überschätzte seine tatsächliche Bedeutung deutlich; ein Großteil der Inhalte bestand aus abgeschriebenem Material aus Schulungsunterlagen oder ideologischen Texten. Verschlüsselungsprogramme wie PGP wurden kaum genutzt, sodass viele Beteiligte trotz Pseudonymen identifiziert werden konnten. Kai D., einer der Betreiber des Thule-Netzwerkes, erhielt als V-Mann des Verfassungsschutzes zusätzlich zu seinem monatlichen Honorar in Höhe von 800 D-Mark auch Geld für Computer-Hardware (Szymanski, 2012). Schätzungen zufolge sind auf diese Weise über einen Zeitraum von zehn Jahren insgesamt etwa 150.000 D-Mark staatlicher Mittel in das Thule-Netz geflossen.

 

2000er: Das Web 1.0 …

Mit der breiteren Verfügbarkeit des webbasierten Internets verlagerte sich Ende der 1990er Jahre auch die Kommunikation der extremen Rechten zunehmend auf Websites. Mailboxsysteme verloren an Bedeutung. Das später sogenannte Web 1.0 umfasste vor allem statische Webseiten, bot jedoch bereits interaktive Elemente wie Gästebücher, Foren und Kommentarfunktionen, die Austausch ermöglichten.

Ab 2003 existierte ein deutschsprachiger Ableger des ursprünglich aus den USA stammenden neonazistischen Portals „Altermedia“. Dieses orientierte sich konzeptionell und visuell am linkspolitischen Portal „Indymedia“. Anders als beim Vorbild konnten Nutzer*innen jedoch keine unmoderierten Beiträge veröffentlichen. Stattdessen stellten die Betreiber*innen selbst Inhalte zusammen oder übernahmen sie aus anderen Quellen. Ziel war der Aufbau einer extrem rechten Gegenöffentlichkeit. Die Beiträge waren geprägt von antisemitischer und rassistischer Propaganda sowie Holocaustleugnung. Trotz seiner Popularität in Teilen der Szene wurde das Portal von der NPD kritisch gesehen, da dort auch Parteiangehörige öffentlich kritisiert wurden. Nach strafrechtlichen Ermittlungen und Verurteilungen der Betreiber wurde „Altermedia“ 2016 verboten (bpb, o.J.).

Ein weiteres Beispiel für die Nachahmung etablierter Plattformmodelle war „Metapedia“, eine extrem rechte Version der Wikipedia, die 2006 in Schweden entstand und auch im deutschsprachigen Raum genutzt wurde. Technisch basierte sie auf der freien MediaWiki-Software. Anders als beim pluralistischen Vorbild konnten dort auch geschichtsrevisionistische und extrem rechte Inhalte veröffentlicht werden. Für den Austausch innerhalb der Szene gewann zudem das Forum „Thiazi.net“ an Bedeutung, das sich 2007 aus dem deutschsprachigen Bereich des Forums „skandi.net“ entwickelte. Nach Ermittlungen und Festnahmen im Umfeld der Betreiber war die Seite ab Mitte 2012 nicht mehr erreichbar (Jüttner, 2012). Ein weiteres wichtiges Medium war das Blog „Politically Incorrect (PI-News)“, das seit 2004 existiert und sich gegen eine angebliche „Islamisierung Europas“ richtet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte das Portal 2021 als erwiesen extremistisch ein (Geyer, 2014). Auch dieses hat inzwischen an Relevanz eingebüßt.

 

… und das Web 2.0

Die zentrale Neuerung des Web 2.0 war der grundlegende Wandel hin zu nutzergeneriertem Inhalt. Während zuvor technische Kenntnisse und Ressourcen nötig waren, um eigene Webseiten zu betreiben, übernahmen Plattformen diese Infrastruktur und senkten die Einstiegshürden erheblich. Gleichzeitig verbesserten erschwingliche Aufnahmegeräte, steigende Rechenleistung und der Ausbau der Internetinfrastruktur die Möglichkeiten zur Produktion von Bild-, Ton- und Videoinhalten. Kein Gerät verkörpert diese Entwicklung stärker als das Smartphone.

Das Medienportal „Volksfrontmedia“, später „Media Pro Patria“, nutzte früh Onlinevideos und veröffentlichte zwischen 2006 und 2010 zahlreiche Wahlkampf-, Musik- und Propagandavideos auf einer eigenen Website sowie auf YouTube. Die Betreiber stammten aus dem Umfeld des „Nationalen Zentrums“ in Butzbach (Rieb, 2022) und gehörten militanten Neonazistrukturen an, standen zugleich aber auch in Verbindung zur NPD und ihrer Jugendorganisation (Merling, 2010). Inhaltlich folgten diese ersten Web-2.0-Inhalte der Strategie der sogenannten Autonomen Nationalisten (Staud/Radke, 2014). Die Videos orientierten sich formal an jugendaffinen Musik- und Werbeästhetiken und griffen Themen wie Hardcore-Musik, Straight Edge oder Globalisierungskritik auf, die ursprünglich eher links konnotiert waren. Diese Inhalte wurden mit antisemitischen, völkischen und ethnopluralistischen Ideologieelementen vermischt. Schnelle Schnitte, dynamische Abfilmungen und zur Kamera laufende Sprecher*innen verliehen den Produktionen eine jugendliche Anmutung und stellten frühe Varianten später verbreiteter Videoformate dar. Die Nutzung von Onlinevideos bedeutete für rechte Propaganda eine qualitative Erweiterung, beruhte jedoch einmal mehr auf ästhetischen und strategischen Vorbildern aus anderen politischen und subkulturellen Kontexten (Zentralstelle der Länder für Jugendschutz im Internet, 2009).

Ab 2006 sorgten Aktionen unter dem Titel „Die Unsterblichen“ für Aufmerksamkeit. Dabei handelte es sich um inszenierte Fackelmärsche, die als Flashmobs organisiert wurden. Teilnehmende trugen schwarze Kleidung im Stil der Autonomen Nationalisten sowie weiße Theatermasken, die Assoziationen zu Gruppen wie dem Ku-Klux-Klan oder Anonymous hervorriefen. Die Aktionen bezogen sich propagandistisch auf den Mythos eines drohenden „Volkstods“ und erlangten insbesondere durch die Verbreitung entsprechender Videos im Internet größere Bekanntheit. Vergleichbare Aktionsformen existierten zuvor bereits in linken Kontexten. So hatten etwa 2004 Gruppen unter dem Titel „Die Überflüssigen“ ebenfalls mit weißen Theatermasken in Form von Flashmobs gegen Sozialabbau protestiert (Gensing, 2012).

 

2010er und 2020er: Durchsetzung der Plattformökonomie

Mit dem Aufstieg sozialer Netzwerke verschob sich die digitale Kommunikationslandschaft erneut und noch massiver. Plattformen wie Facebook ermöglichten es politischen Bewegungen, große Reichweiten mit vergleichsweise geringem Aufwand zu erzielen. Bewegungen wie PEGIDA nutzten diese Infrastruktur gezielt zur Mobilisierung und Vernetzung (Stier et al., 2017). PEGIDA entstand sogar aus einer Facebook-Gruppe heraus. Die AfD gilt als erste deutsche Partei, die sich Facebook erfolgreich zunutze machte (Lucht et al., 2017; Haller, 2019). Diese Erfolge knüpften an amerikanische Vorbilder an, insbesondere die Trump-Kampagne 2016 (Benkler et al., 2018).

Auch die Identitäre Bewegung (IB) setzte stark auf visuelle Inszenierung. Aktionen wurden so gestaltet, dass sie medienwirksam dokumentiert und online verbreitet werden konnten. Einzelpersonen fungierten dabei zunehmend als identitätsstiftende Figuren. Parallel entstanden Onlineformate und Influencer-ähnliche Auftritte, die politisches Messaging mit popkulturellen Stilmitteln verbanden. Das YouTube-Projekt „Ruhrpott Roulette“ orientierte sich an erfolgreichen Formaten bekannter YouTuber: So wurden bekannte Pop-Songs umgedichtet (z.B. Hetztape) oder Challenges übernommen und mit rassistischen, antisemitischen, misogynen und transphoben Inhalten versetzt (Müller, 2019). Weiterhin traten IB-Angehörige wie Rebellanie als Influencer*innen auf Plattformen wie Instagram auf.

Im Bereich digitaler Spiele (Gaming) entwickelten sich ebenfalls Szenen mit extrem rechten Akteur*innen. Dort traten Phänomene wie koordinierte Trollkampagnen, diskriminierende Kommunikationspraktiken sowie Desinformation auf. Gleichzeitig wurde versucht, eigene Spieleprojekte oder Studios mit ideologischer Ausrichtung zu etablieren (Franz/Prinz, 2021). Gaming-Communities fungierten dabei auch als Übergangsräume zu Imageboards und anderen anonymen Onlineforen.

In den 2020er Jahren gewannen dann einerseits Messenger-Dienste und andererseits algorithmisch gesteuerte Plattformen weiter an Bedeutung. Besonders Telegram entwickelte sich zu einem wichtigen Kommunikationsraum für extrem rechte Netzwerke, da dort geringere Moderationshürden bestehen (Kiess et al., 2022; Kiess/Wetzel, 2023). Plattformen wie Instagram und TikTok eröffneten wiederum neue Möglichkeiten der Reichweitensteigerung durch algorithmische Empfehlungssysteme. Zeitweise führte verstärktes Deplatforming auf großen Plattformen wie YouTube dazu, dass extrem rechte Akteur*innen parallel auf sogenannte Alt-Tech-Plattformen wie Odysee oder Gab auswichen.

Der zunehmende Einsatz von sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI) erweitert die technischen Möglichkeiten zusätzlich. KI-generierte Bilder, Videos, Texte und Musik können Propagandaproduktion beschleunigen und skalieren. Damit entstehen neue Formen digitaler Agitation, bei denen automatisierte Inhalte als Multiplikatoren wirken.

 

Diskussion und Fazit

Mit neuen Technologien können Reichweiten erhöht und Kosten gesenkt werden – entscheidende Vorteile für Bewegungen mit massenpolitischem Anspruch. Bereits der Nationalsozialismus verstand sich als moderne Bewegung und nutzte bewusst neue Technologien, um Massenwirkung zu erzielen. Nach 1945 agierte die extreme Rechte dagegen zunächst geschwächt und griff, wie andere oppositionelle Gruppen, auf die wenigen verfügbaren Kommunikationsmittel zurück. In den folgenden Jahrzehnten zeigte sich wiederholt, dass extrem rechte Akteur*innen selten originäre technische Innovationen entwickelten. Stattdessen übernahmen sie bestehende Modelle anderer Bewegungen, adaptierten sie für eigene Zwecke und profitieren von überproportionaler medialer Aufmerksamkeit für Tabubrüche.

Erst mit dem Aufkommen sozialer Plattformen lässt sich eine Verschiebung beobachten: Einige extrem rechte Akteur*innen nutzen neue Plattformen frühzeitig und experimentieren intensiv mit Formaten. Dabei zeigt sich, dass extreme Äußerungen und die Verwendung emotionalisierender und konfliktorientierter Sprache in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie häufig für hohe Reichweite sorgen (Jungherr et al., 2019; Brady et al., 2020). Dies wird verstärkt durch eine hohe Aktivität und Interaktion (Kommentare, Likes, Shares) innerhalb der Gruppen, wodurch der Eindruck einer breiteren Zustimmung entsteht (Bail, 2021). Untersuchungen zeigen durchaus, dass andere politische Bewegungen bei vergleichbarer Nutzung ähnliche Effekte erzielen (Wetzel/Kiess, 2025). Die Unterschiede hinsichtlich des Erfolgs und im Ergebnis der Wahrnehmung als „early adopters“ liegen unserer Einschätzung nach daher weniger in der technischen Kompetenz als in der strategischen Schwerpunktsetzung und in der medialen Wahrnehmung.

Die historische Betrachtung zeigt, dass die Einschätzung der extremen Rechten als technologische Vorreiter meist nicht zutrifft. In vielen Fällen wurden Technologien bereits zuvor von anderen, häufig emanzipatorischen oder subkulturellen Bewegungen genutzt. Rechte Akteur*innen übernahmen diese Ansätze oft erst später, erhielten dann jedoch aufgrund medialer Aufmerksamkeit den Ruf besonderer Innovationsfähigkeit. Zugleich klaffen propagierter Anspruch und tatsächliche Reichweite oder Wirkung häufig auseinander. Schon in früheren Phasen wurden Aktivitäten medial größer dargestellt, als sie real waren. Die Inszenierung der Freien Sachsen als bundeslandweiter Bewegungsakteur und Taktgeber der sächsischen Protestszene (Kiess/Nattke, 2024) reiht sich hier ein.

Gleichwohl sind die Medienstrategien der extremen Rechten zentral für die Analyse gegenwärtiger Entwicklungen. Mehrere strukturelle Faktoren begünstigen heute die Nutzung neuer Technologien durch extrem rechte Szenen. Dezentrale Kommunikationsformen, wie sie soziale Plattformen bieten, sind schwerer zu kontrollieren und eignen sich daher besonders für subkulturelle oder eher im Verborgenen agierende Milieus. Niedrige Eintrittshürden und geringe Kosten ermöglichen schnelle Verbreitung – etwa durch Kopiertechnik, Kassetten und Mailboxsysteme früher oder über soziale Plattformen heute. Hinzu kommen Möglichkeiten zur Anonymität, Pseudonymität und Verschlüsselung, die Schutz vor Strafverfolgung oder sozialer Sanktion versprechen. Frühzeitig entstand zudem eine internationale Vernetzung, insbesondere zwischen Szenen in den USA, Deutschland und Skandinavien (Conway et al. 2019). Ideologisch spielt der Anspruch eine Rolle, eine Gegenöffentlichkeit aufzubauen. Alternative Medien dienen dabei nicht nur der Außenkommunikation, sondern auch der Selbstvergewisserung innerhalb der Szene. Räume mit wenig Moderation oder Regulierung sind dafür besonders attraktiv, weil dort Propagandamaterial, verbotene Schriften oder Musik einfacher verbreitet werden können.

 

Über die Autoren

Dr. Johannes Kiess ist stellvertretender Direktor des EFBI und leitet dort u.a. den Bereich Monitoring extrem rechter Mobilisierung in Sachsen.

Gideon Wetzel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am EFBI im Bereich Online-Monitoring.

 

Erstveröffentlichung

Dieser Text ist Teil des EFBI Digital Report 2026-1.

 

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